die Gedanken sind frei  ...

 

 

Chipmonk

 

Ha, liebe Verschwörungsfans, jetzt habe ich die ultimative Wahrheit über Corona und die teuflische Weltregierung gefunden! Nicht Bill Gates ist der eigentliche Urheber, um die Weltführerschaft an sich zu reißen, sondern der eher bescheidene kanadische Premierminister Justin Trudeau. Sein „Every-Bodys-Darling-Aussehen“ ist sein infamer Trick, um undercover seinen perfiden Plan zu betreiben. Seine Motivation speist sich aus der Abscheu gegen die in Vancouver lebenden Chinesen, die mehr als die Hälfte der Stadt okkupiert und die Wirtschaft infiltriert haben. Die Chinesen sind ihm ein Dorn (Metapher für Chip) im Auge, deshalb, und nur deshalb, nutzt Trudeau skrupellos die Forschungsarbeiten des kanadischen Wissenschaftlers David Franchise aus den Chalk River Laboratories für seine heimtückischen Pläne. Er ließ die ebenso niedlich wie putzig aussehenden Chipmonks (kanadische Streifenhörnchen) mit Nanopartikeln impfen (Achtung Impfgegner!) und sorgte auf geheimen Wegen für deren weltweite Verbreitung.

 

Wuhan ist nämlich nur eine von den politikhörigen Journalisten erfundene Fabel, um uns zu verdummen. Der renommierte Zoogloge Waldemar Grasmück erklärte in dem Fachblatt „Tier und Mensch“, wie die Chipmonks aufgrund ihrer außerordentlichen Geschicklichkeit - und implantierten Bestimmung - die G5-Sendemasten (Achtung G5-Gegner!)eroberten und somit für die Verbreitung der Nano-partikelchips sorgten.

 

Während ich dies schreibe, spüre ich ein dumpfes Summen in meinem linken Ohr und ein permanentes Fiepen in meinem rechten. Nun wird mir alles klar: ich soll zu einem Chipmonk umfunktioniert werden! Liebe Verschwörungsfans: ich brauche dringend Hilfe, um auf den rechten Pfad (Achtung: Kalbitz, Höcke etc.!) der Wahrheit zu gelangen! Kann mir jemand die Telefonnummern des veganen Sternenkochs Hildmann, des Sängers Naidoo und Rappers  Sido mitteilen, damit die mir einen verlässlichen Tipp geben, wie ich aus dieser Chipzwickmühle heraus komme? Ich will doch kein Chipmonkey werden, auch wenn die da oben aus mir einen Affen machen wollen!   

 

 

 

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Reisen in unbekannte Nähe

 

Covid19 beschert uns Hanauern und Anrainern einen stillen Himmel, so still wiebei gefühltem Dauerostwind. Brauchen wir denn Flugzeuge, die uns in ferne Länder bringen, nur um unsere Sehnsucht zu stillen?

 

So sage ich zu meinem Land:

Sag, soll ich in eine fortwährende Ferne reisen? Soll ich etwa niederknien vor einer abgezählten Zeit und vor irgendwelchen fremden Landen meine Gedanken beugen? Nur um des Schauens willen? Wolken gehn und Wolken kommen und ist doch anders. Dieses Land ist so verwandt, wie man eine Schwester siehtein Leben lang. Ich bin die andre Hälfte deiner Sinne. Ich will auf deinen Seen fahren, will an Land gehen und Frauen nach sorgsam gehüteten Sitten fragen. Dann will ich mit Männern an den Türen flüsternd sprechen und von Nahem zuhören, wie sie ihre Kinder rufen.

 

Nur das will ich mir merken. Und keine lauten Länder mit ihren überbunten Spiegelungen.

So zu reisen: wenn Entfernungen anders aussehen und vorüberfliegende Telegrafenmasten zu einem Einzigen schrumpfen, als hätt ich deren dunkles Holz selbst gewebt. Die Wiesen widerrufen nichts. Sie sind so.

 

Auch das ist Reisen: dem Lichte zuzusehen, indem es aufsteigt auf den hochgezognen Spitzen eines Föhrenzweiges wie ein angestrahltes Nadelkissen. Licht blüht.

 

Und noch mehr sehn im Nahen: auf einem herbstgeahnten, sandigen Waldweg einen hohlen, halben Baumstamm finden mit Pilz und Farn in seinem Inneren. Und abends dann ans offne Fenster setzen, um dem Himmel zuzuschauen, wie er am Rande apfelgrün mit fliederfarbnen Wolkenfetzen weiter geht. Dazwischen Streifen von irgendeinem ungenauen bis zum Grauen eingeschlossnen Blauen. Das ist Reisen mit den Augen.

 

Und später in die Städte gehn wie durch bunte Gärten. Ich will mir von heiterenFrauen Blumen herzeigen lassen, die so schön sind und in ihrem innersten Blühen so vertraut wie die gleichen Libellen. Dann will ich im Herbst auf die kleinen Märkte gehen und Früchte kaufen und nur die Früchtekörbe schauen, denn in der Süße dieser Früchte ist noch einmal das ganze Land.

 

 

I can´t get no desinfection

 

Diesen umtitulierten Song von 1965 müssten die Rolling Stones als Warnung der DFL ins Stammbuch nicht nur schreiben sondern schreien. Als alter Stonesfan fiel mir dies spontan zu dem kontrovers diskutierten Medienhype zur Bundesligafortsetzung ein. Und noch ungläubiger staunte ich, dass die DFL-Wort- und Balldompteure ernsthaft erwägen, den Ball zu desinfizieren. Echt kein Witz!

 

Würden nicht durch die dauerhafte Einwirkung eines Desinfektionsmittels die 32 vernähten Panels brüchig? Und würde so durch den veränderten Luftwiderstand nicht die Flugbahn verändert? Zum Beispiel bei einem raffinierten Freistoß oder etwa der legendären Bananenflanke. Wie sieht es denn bei einem Kopfballduell aus, wenn Spucke und Schweiß wie Geysire durch die Luft sprühen? Wäre doch hygienisch zwingend, den Duellanten eine 1,50 m teleskopartig verlängerte Stirn zu verpassen. Gar nicht auszudenken, wie eine nicht eingehaltene Abstandsblutgrätsche aussehen würde. Immerhin ist bei einem Torerfolg ein kurzer Ellbogen- oder Fußkontakt erlaubt.

 

Müsste man nicht großflächig den Rasen desinfizieren, da doch die Kicker ihre maulvollen Expektorationen nicht ständig runterschlucken können und somit den Rasen milliardenfach verseuchen. Wäre es demnach nicht sinnvoll, dass jeder Spieler ein Stück mit nach Hause nimmt zwecks Desinfektion? Quadratmeter in Quarantäne. 

 

Und wenn sich die Isolations-leidgeprüften Kicker immer noch nicht einsichtig zeigen würden, könnten sie doch am Spielfeldrand anstatt Wasser an mit Desinfektionsmitteln gefüllten Flaschen nuckeln. (Siehe Trump). Selbstverständlich magenfreundlich.

 

Besser noch, das runde Spielgerät erhielte zur ständigen Mahnung eine aktuell angepasste grafische Oberfläche: das kleine Kerlchen mit den roten Stoppelstöpseln steht gerne Modell.

Außerdem bin ich dafür, um Covid19 eindrücklich jedem abstandsverachtenden Realitätsverleugner nahe zu bringen, das Spiel auf drei mal neunzehn Minuten mit neunzehn Spielern anzupassen. Und den Namen des Lieblingsvereins   aktualisieren in 1. FC Covid oder Red Cough (engl. Husten) oder Wacker 019 oder Coro Kickers.

 

Und wenn all diese Hygienemaßnamen nicht greifen sollten, dann muss ich mir wohl demnächst „Paint it black“ von den Stones reinziehen. 

 

Sympathy for the Virus

 

Im Grunde finde ich das winzige Kerlchen mit den roten Stoppeln eigentlich ganz sympathisch – wenn da nur nicht  seine furchtbaren Auswirkungen wären. Aber es scheint ja auch einen recht menschlichen Wesenszug zu haben. So degradiert es einige Staatenlenker zu Tweet-Debilen, den anderen wiederum reißt es die Biedermannmaske herunter und darunter kommen – wer hätte das gedacht – paranoide Egomanen zum Vorschein oder gar narzisstische, machtverliebte  Verbrecher.

 

Und demaskiert es nicht auch unsere starren, lieb gewordenen Gewohnheiten und bringt unser ach so geschätztes Sicherheitsgerüst ins Schwanken? Sollte es etwa unsere mühsam erkämpften Werte wie Aktienpakete, egozentrisches Weltbild, bigotte Mitmenschlichkeit und derlei philantropische Errungenschaften mehr in Frage stellen? Zwingt es uns etwa zu einem Tanz auf einem brüchig gewordenen Drahtseil, von dem aus wir in verrottete allzu menschliche Abgründe blicken?

 

Oder aber wird es uns in bisher unbekannte Höhen schleudern, aus deren dünner, flugzeugfreier Luft wir herab blicken und uns zu fragen beginnen: war das alles gut, was wir gemacht haben? Musste das alles so sein? Stellt es unserem Turbokapitalismus und irrationaler Fortschrittsgläubigkeit ein Wachstumsbein, über das wir nachdenklich stolpern und aus dem Tritt kommen? Sticht es uns etwa mit seinen roten Stacheln und bricht unsere harte Schale auf, in deren Innerem eigentlich ein guter Kern steckt?

 

Wenn es schreiben könnte, schriebe es in unser Tagebuch: auf die Müllhalde mit euren ins Leere laufenden Egoismen! Auf den Schrottplatz mit eurer verrosteten Zeit! Oder wispert es uns nicht tagtäglich ins grindige Ohr: warum öffnet ihr nicht die lange verschlossene Tür zu eurer Innenwelt und entrümpelt, was sich an nichtsnutzigen Ablagerungen und angehäuftem Unrat angesammelt hat? Bedenkt sehr achtsam, was ihr danach tut.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erlebnisse eines Covid19-Virus

 

Gar viele sind vor mir geflohn.

Ich weiß nicht mal genau: wovon?

Sagen jedenfalls die Sarkasten,

die fragen ganz bigott: was hasten?

Oder heißen sie vielleicht Sarkianer?

Warn das etwa Neger oder Indianer?

Na, mit Bildung hab ich´s wirklich nicht:

an Synapsen war für mich dann Schicht

bis jetzt noch kurz bevor dem Hirn,

(Ist das das Graue hinter einer Stirn?)

sagen jedenfalls die Professoren,

die manches Graue schon verloren,

weil sie die Staatenlenker

mit einem Gedankenschlenker

komisch erst beraten müssen.

Toll, ich könnt sie dafür küssen

geradewegs bis auf den Mund.

Dazu brauch ich keinen Grund.

 

Meine Eltern sind schon lange nicht mehr da,

vielleicht sind sie irgendwo in Afrika.

Sie haben mich früh auf meine Füße gestellt

und mich hineingeworfen in diese Welt,

damit ich selbst zurande kommen muss.

Mama Covid gab mir zum Schluss

ganz bedeutsam einen Kuss

und Papa sprach von einem Vermächtnis,

das ich ohne große Vorkenntnis

an den Menschen anzuwenden hätte.

Zum Mundabwischen bräucht ich keine Serviette.

Also ging ich in die Welt hinaus,

wohnte mal in einer Fledermaus

oder einem hart geschuppten Gürteltier,

das war ganz und gar nicht mein Quartier

und als Wirtsleut gar nicht so mein Ding,

denn die machten nur noch Xing Ling Ping.

So suchte ich mir einen neuen Wirt,

vielleicht in Deutschland. Ob das was wird?

 

Jetzt hab ich hier seit ein paar Stunden

einen neuen Wirt gefunden,

in dem ich´s mir gemütlich machen kann.

Sie ist, so weit ich weiß, kein Mann.

Sie ist erst fünfzehn, grad so alt wie ich

und ich mag sie beinah so wie mich

und hab mich einfach unbefristet

bei ihr behaglich eingenistet.

Jetzt weiß ich auch, wie sie so denkt

und ihre Gedankengänge lenkt

angesichts - da denke ich wie sie -

einer globalen großen Pandemie.

(Als wäre das was Schlimmes!)

Sie sagt: noch bestimme ich es

was ich tu und was ich mache!

Du armes Ding, dass ich nicht lache!

Auch du, so gerne ich dich mag,

wirst mir gehorchen Tag für Tag,

wirst nicht in deine Schule gehen

und Discos nur von außen sehen.

Auch Demos finden nicht mehr statt

und leer sind Straßen in der Stadt.

Die Menschen sind ganz krank und stumm

und laufen einsam und maskiert herum.

Alles ist öd und auch verwaist.

So – damit du es nur weißt

was ich kann und was ich will!

Sie ruft: das ist nicht mein Stil!

Sie spricht von einer großen Chance

mit der darin enthaltenen Balance,

das Große neu zusammenfügen

und sich in keine Tasche lügen

von wegen Geld und Macht und SUV!

Du naives Ding: das glaub ich nie!

Ich bin für Disco, Fußball, Demonstrationen

wo die Menschen zu Millionen

dicht an dicht zusammen sind

in tausend Reihen, gleich gesinnt.

Wo sie schwitzen, husten, keuchen

und sich vermehren mit den Seuchen.

Das ist mein magisch Lebenselixier,

zu diesem Zwecke bin ich hier

und nicht ergründen, was die Welt

in ihrem Innersten zusammenhält!

Ich bin nicht hier auf Erden

damit die Menschen besser werden!

 

Wieviele seid ihr, wieviele Millionen,

die in hunderttausend Menschen wohnen?

Millionen? Wir sind hundert Milliarden,

die alle auf Vermehrung warten.

Erst wenn wir alle angesteckt

und unsre Pläne ganz vollstreckt

wird aus unserer Vision

eine gelungene Mission.

Eine Mission – etwa die Welt zu retten?

Wirklich nicht! Wollen wir wetten?

Nun, dann weiß ich eine List

wie das leicht zu ändern ist.

Irgendwann wird euch die Welt zu klein

und ihr seid mit eurem Hunger ganz allein.

Was haltet ihr, das ist kein Traum,

von einem Covid19- Weltenraum?

Klingt nicht schlecht, meine Kleine,

bin ich dann auch nicht alleine?

Ach was – du find´st bestimmt ganz bald schon

was auf der Venus und dem Orion.

Bestimmt ist dort so eine – so wie ich...

Meinst du – sie liebt gewiss nur mich?

Todsicher. Und eigentlich noch schlimmer:

sie wird dich lieben, ewiglich und immer! 

So – der Abschied von dir fällt mir schwer…

Weißt du, ich find´ die Menschen ziemlich nett

mit ihrer seltsam schönen Musikalität,

wie sie selbst in ausweglosen Situationen

mit Töpfen klappern auf ihren Balkonen.

Doch eines muss ich dir noch sagen

zum Abschied, darf ich´s wagen,

dir einen Kuss zu geben?

Um Gottes willen – lass mich leben!

Ach der – ob ich mich ganz neu definiere

und den mal schnell auch infiziere?

Vielleicht trägt er dann Mund- und Nasenschutz,

und sei es nur aus Eigennutz…

 

Nun verlasse ich die Beste aller Welten

mit ihren Heldinnen und Helden

und ziehe ohne Kuss

zur verführerischen Venus

und dem hellen Orion.

Ich weiß: Undank ist der Welten Lohn. 

 

 

 

 

 

Eulenspiegel und Boccaccio

 

Vorgestern fiel mir beim Aufräumen meiner Bücherregale mein altes Jugendbuch „Till Eulenspiegels Streiche“ in die Hände – und ich las mich darin fest. Es war sehr vergnüglich und ich versank in dem Schabernack, den der Schalk seinen teils übel gelaunten, teils unbegründet überbesorgten Zeitgenossen mitspielte. Es hatte etwas Tröstliches, mit diesem Nicht-alles-so-ernst-nehmen, mit einer humorvollen Überschau den Alltagswidrigkeiten begegnen und doch mit der für Eulenspiegel gefährlichen Realität weise und witzig umzugehen.

Es hätte genau so gut ein Drei-Groschen-Heft, ein Lore-Roman oder eine Liebesgeschichte im Stile einer Rosamunde Pilcher sein können. Das hätte mich genau so gut getröstet. Die einfachen Dinge sind es, die wir jetzt brauchen. Keine hoch komplexen Verfahrensweisen, keine komplizierten Erläuterungen und schon gar keine mathematischen Wiederholungen der täglichen Meldungen.

Ich habe keinen Masterplan für den Umgang mit der Krise. Wie auch. Ab und zu brauche ich eine Ermunterung, und der Trost liegt in den simplen Betrachtungen und der Akzeptanz, dass es so ist wie es ist. Und die Gewissheit, dass es einen Wendepunkt geben wird und von da an alles besser wird.

Alles besser? Jedenfalls spüre ich zur Zeit einen grundlegenden gesellschaftlichen Zusammenhalt, der aus der Angst vor dem Unbekannten, Ungewissen hervorgeht. Angst kann auch ein produktives Gefühl und empathische Handlungen erzeugen.

Alles besser – ich glaube, dass nach dem Ende der Krise ein Gefühl der Solidarität übrig bleibt, das die Populisten im Land ins Leere schreien lässt. Das aktuelle Politbarometer bestätigt es: der AfD-Zulauf wird schwächer.

Dann lasst es uns doch symbolisch, metaphorisch wie diese zehn Personen im „Dekameron“ von Boccaccio halten. Nicht nur seines erotischen Inhalts wegen. Sieben Frauen und drei Männer hatten sich während des Pestwütens in Florenz im 14. Jahrhundert zufällig in einer Kirche getroffen, zogen hinaus aufs Land und erzählten sich Geschichten nicht nur zur gegenseitigen Erheiterung, sondern auch über Menschlichkeit, Liebe, Miteinander – und somit überwanden die zehn Personen seelisch, geistig und körperlich gesund die Pest. Wenn die Pest (Virus) die Menschlichkeit bedroht, dann muss der Mensch sie neu erfinden.

Und ich glaube, dass das nach dem Krisenende sein wird. 

 

 

 

Dankeschön eines Dichters

 

 

Ach, was muss ich oft von bösen

Viren hören oder lesen,

wie zum Beispiel hier von diesen

welche Covid19 hießen.

So oder ähnlich schön gereimt

hat´s Wilhelm Busch gemeint.

Ich les in meiner Zeitung, darin steht

viel Corona von früh bis spät.

Das ist auch gut so,

es macht mir Mut so.

Drin stehen nicht nur üble Sachen,

auch gute, die mir Freude machen.

Wie zum Beispiel man sich hilft,

nicht nur in Wort und Ton und Schrift,

sondern ganz gezielt und ganz profan

sich um den Nachbarn sorgt, spontan,

ohne größren rumposaunten Firlefanz:

brauchst was vom Einkauf? Knäcke oder Gans?

Oder Klopapier? Jetzt frag ich:

Warum nur zweilagig?

Frei nach Kästner, der da schrieb:

Das Tun habe ich besonders lieb,

denn: „Es gibt nichts Gutes,

außer man tut es.“

 

Apropos: der Laden läuft, alles zur Stelle,

auch Mango, Nuss, selbst Pimpernelle

können wir spät abends kaufen,

brauchen nur mit Mundschutz hinzulaufen

und freundlich hilfsbereites Personal

erspart uns der Suche lange Qual

(vielleicht nach Spaghetti oder Klopapier,

das ich zu Hause stapelweise deponier)

Und wer bringt´s in die Einkaufstempel,

egal ob Büchsenbier, ob Worscht, ob Bembel?

Die Fahrer sind´s mit ihrem Laster,

tagein tagaus, für wenig Zaster.

 

Und wer bringt unsern Plunder weg,

das Plastikzeug, den ganzen Dreck?

Na klar, die Männer von der Müllabfuhr

rackern sich ab rund um die Uhr.

 

Und dann das Alten-Krankenpflegepersonal,

teils ohne Maske, nur mit Schal

schuften sich tagtäglich ab

und bewahren uns vorm sichren Grab.

Ob Putzkraft, Ärzte, Pfleger, Schwestern,

ihr Lohn ist höchstens von vorgestern.

Nobelpreise wären angemessne Löhne,

nicht nur Dankesworte, wenn auch schöne.

 

Kinderbetreuer, die jeden Morgen

unermüdlich für die Kleinen sorgen,

deren Eltern den Staat am Laufen halten,

um ihn zu etwas Neuem zu gestalten,

das vielleicht danach erst wird,

nein, nein, ich bin nicht ganz verwirrt,

ich denke nur an Aufbruch, an neue Ufer,

nein, ich bin nicht in der Wüste der Rufer,

ich möchte nur, dass sich was ändern muss

besonders nach dem verfluchten Virus.

 

Selbst unsre Staatenlenker tun sich schwer,

für viele gibt´s kein´ Ruhm und keine Ehr.

Ich möchte nicht in deren Haut drin stecken,

hab Achtung davor, dass sie bezwecken,

uns vor dem Schlimmsten zu bewahren

und uns ihr Handeln deutlich offenbaren.

Ich  hab längst und einsichtsvoll begriffen,

dass sie die gefährlichsten Felsen umschiffen

und uns in sichres Wasser wieder führen.

Das kann ich täglich öfter spüren.

 

Seit Neustem denke ich viel stärker

an die unermüdlich prima Handwerker.

Die Pädagogen haben´s auch nicht leicht,

ihre brillanten Ideen sind unerreicht/

wie sie Schüler, fernmündlich allemal,

jetzt via Laptop lehren digital.

 

Nun hätt ich nur noch zu vermelden

das Erinnern an die Alltagshelden,

die unerkannt und ganz verborgen

sich um unser Wohlergehen sorgen.

 

Ich hoffe, ich hab keinen vergessen

und will jetzt schließen angemessen

mit einem kleinen Liedanfang.

Beherzigt ihr´s, wird´s mir nicht bang:

„Froh zu sein bedarf es wenig,

nur wer froh ist, ist ein König!“

 

Denn nach dem Virus, hoff ich wehmütig,

werden wir ein wenig demütig.

 

 

 

 

 

 

 

Corona-Elegie 

 

 

Ach, hätt doch nie das Virus leicht die Hürde überwunden,

die hoch aufgebaut aus menschlich merkantilem Stolz

uns scheinbar mühelos verführt zu immer Größrem.

Ach, hätt es niemals nur den schmalen Pfad gefunden

zu unsrer Innenwelt, die selbst uns ganz verborgen

einsam sich allein genügt. Wir wussten´s alle nicht.

 

Und taten deshalb so mit unsrem gottverdammten Ich.

 

Hätte es mit seinen Stummeln hinterlistig gierig

nicht nach uns gefasst, wir wären Tieren ähnlich

weiter unverwundbar ohnegleichen gut geblieben.

Hätte es vielleicht gewusst, so wie wir nun mal sind,

es wär bestimmt ein Clown geworden, rot geschminkt

in luftger Höhe unterm Zirkusdach uns zuzuzwinkern

mit Lachmund breit und Zähnen schwarz uns angegrinst.

 

Und klatschten ihm noch hoffnungsfreudig viel Applaus.

 

Niemals wärn wir aufs Trapez gestiegen, nie zu reichen

ihm die Hand vor dem freien Fall, der ins Bodenlose

auf die aufgespannten Netze - im Flug schon lange tot -

scheinbar federnd uns zurückschleudert. Undenkbar.

Niemals, nicht einmal beim Schwanken, wollten wir

das Seil zu Ende denken, an dessen langem Anfang

das Gold des Sternenlichts uns in die Augen sticht.  

 

Und waren froh im Fall und freuten uns wie Kinder.

 

Was wäre denn das Virus ohne uns, so wie der Gott

ohne unser Beten? Was, wenn wir es ganz einfach

hungern ließen, ohne unsre göttergleiche Opfergabe

aus Mehl und Hefe? Wär es dann ein schönes Nichts?

Was wäre, wenn wir es, gleich einem Märchen, erzählend

scheu verbreiten könnten und gäben seine Geschichten

heimlich weiter, von Mund zu Mund wie Überlieferungen.

 

 

Und sprächen schön von unsren angehäuften Taten.

 

Oder müssen wir es lieben lernen wie ein treues Tier

mit weichem Fell, gestreichelt nur von unsrer Hand

und dessen Fressnapf bis zum Rand von uns gefüllt

bis zum Übermaß immer wieder angereichert wird.

Wir könnten´s überfüttern mit warmer Worte Klang

und listig locken bis zum endlichen Erbrechen

und weiden uns an seinem ungeheuren Überfraß.

 

Und gingen hin zu finden mehr noch als das Festmahl.

 

So aber streicheln wir uns selbst mit lautem Rufen,

mit Miteinander und Geraune nach Gerechtigkeit

und stürmen auf steilen Stufen unaufhaltsam aufwärts

bis zu den Sternen. Dort ist es einsam, leer und kalt.

Und nirgendwo ein Halt für unser Gehen. Dort wehen

blasse Fahnen uns ins Gesicht. Drauf steht: Verzicht.

 

Und kamen nirgends an auf unsrer aquarellnen Suche.

 

Lange nach uns werden tote Mütter um uns weinen,

werden große Himmel hoch und weit und heilig sein,

werden Sonnen weiter scheinen, nur anders, nur anders.

Lange nach uns wachsen Gräser, blau und gelb und rot

und Alraunen in den Tälern. Welche Täler, welche Wurzeln?

Welche Mütter? Und warum sollten sie um uns weinen?

Weint eine dieser Sonnen? Weint auch ein großer Gott?

 

Und die Erde feiert sich still und unhörbar.

 

 

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© Gerhard Roth