Pippi Langstrumpfs Schwester

                 

 Rotes Schwedenhäuschen

 

 

  Es war einmal an einem See ein rotes Schwedenhaus, das stand falsch herum. Nein, nicht auf dem Kopf, sondern anders herum. Immer, wenn das Haus durch seine Fenster guckte, konnte es den See nicht sehen, weil seine Fenster zum Wald blickten.

   Da war das Haus ganz traurig.

   Dabei war es so ein schönes Haus mit ganz vielen Zimmern und alle Leute, die ein Mal darin gewohnt hatten, freuten sich über die feinen Rosentapeten, über die gemalten Blumenbilder an den Wänden, über die bunten Teppiche und vor allen Dingen über die Küche mit den alten Holzschränken und ganz besonders über den Großmutterherd mit der Backofenklappe und dem Wasserschiff. Und in diesem Wasserschiff konnte man, wenn der Herd mit Holz aufgeheizt war, das Wasser heiß machen. Zum Kochen, zum Füße waschen oder ganz einfach die Gummiwärmflasche füllen, damit das dicke Daunenbett im Winter schon vorgewärmt wurde.

   Aber jetzt war es Sommer.

   Ein Sommer wie es ihn nur in Schweden gibt. So richtig mit weißen Wattewolken und dazwischen mit diesem Blau genau wie auf der schwedischen Fahne und die Sonne genau so gelb auch wie auf der schwedischen Fahne.

   So ein wunderschöner Sommer war es.

   Und genau in diesem Sommer kamen die Leute in den Ferien mit einem kleinen, rothaarigen Mädchen in dieses rote Schwedenhaus und freuten sich über alles und malten Birken und gelbe Seerosen auf weißes Papier und spielten sogar Flöte. Aber sie sagten auch, dass man vom Wohnzimmer aus den See nicht sehen konnte.

   Da wurde das Haus noch trauriger als es das hörte, denn es wollte den Leuten so ganz richtig gefallen. Und am Ende der Ferien, als die Leute genug Birken gemalt und geflötet hatten, gingen sie mit dem rothaarigen Mädchen wieder weg und das Haus hörte, wie sie sagten, dass es ein wunderschönes Haus sei wie auf den Bildern von Carl Larsson aber dass es wirklich schade sei, dass man von drinnen den See nicht sehen könnte. Und dann sagten sie noch, dass sie im nächsten Jahr woanders ein Haus mit Blick auf den See finden würden. Das kleine Mädchen fand das sehr schade, denn es hatte sich in sein Zimmer mit den Rosentapeten verliebt und es wäre am liebsten für immer in dem schönen Haus geblieben.  

   Aber dann waren die Leute weg und es wurde ganz still in dem Haus.

   Es fing auch noch an zu regnen und das Haus wusste nicht, ob es die Regentropfen oder die Tränen waren, die an seinen Fensterscheiben entlang liefen. Das Haus wünschte sich, dass es am liebsten immer Nacht wäre und immer ganz dunkel so wie im Winter, damit es nicht dauernd in den Wald gucken musste und nur ab und zu vom Blick auf den See träumen konnte.

   Aber jetzt war es Sommer, so dass es selbst mitten in der Nacht nicht richtig dunkel wurde.

   Und wie das Haus so vor sich hin dachte und seine Dachziegel in Denkerfalten legte, dass sie richtig grummelten, kam ein wenig Wind auf und trocknete die Regentropfen oder die Tränen an den Scheiben.

   Da hatte das Haus eine Idee.

   „Du Wind“, sagte es, „kannst du so stark pusten, dass ich mich mit meinen Fenstern zum See umdrehen kann?“

   Der Wind hielt für einen Augenblick den Atem an und vergaß, durch die Birkenblätter zu blasen und überlegte und dann fing er an zu wehen und zu wehen und wurde immer stärker und stärker, so dass sich die Bäume um das Haus bogen.

   Aber es geschah nichts.

   Da holte der Wind mit einem gewaltigen Seufzer tief Luft, blies seine Backen auf und wurde zu einem orkanartigen Sturm. Er rüttelte an dem Haus, dass seine Balken ordentlich ächzten und stemmte sich mit all seiner Kraft gegen die Hauswand, dass das Haus Angst hatte, es würde vielleicht umfallen.

   Aber so sehr sich der Wind auch anstrengte – außer ein paar Ziegeln, die vom Dach fielen – geschah nichts.

   Danach war der Wind vom vielen Stürmen so erschöpft, dass er sich als laues Lüftchen entschuldigend verflüchtigte. 

   Kein Birkenblättchen regte sich mehr und das Haus hörte nicht einmal das kleinste Flüstern der gelben Seerosenblüten auf dem stillen See. Es war zum Dachbalkenausraufen.

   Abends kam ein Hase vorbei gehoppelt und schnupperte an der Haustür und hatte Mitleid mit dem traurigen Haus.

   „Ach, Hase“, sagte das Haus, „du kannst mir auch nicht helfen.“

   Und wenn es Fensterläden gehabt hätte, würde es jetzt traurig mit ihnen klappern.

   Aber der Hase war ein schwedischer Muthase und hatte schon einmal vor einem Eisbären vierzehn Haken geschlagen und ihn in die Irre geführt. Und dann drückte dieser schwedische Muthase seinen Rücken gegen das Haus, so fest er konnte und sagte: „Jetzt pass mal auf!“ Und immer fester drückte er. Aber so fest er auch drückte. Nichts geschah.

   „Nein“, seufzte das Haus, „so geht es auch nicht.“

   Da kam ein zartbraunes Reh vorbei und wollte helfen, weil Rehe eigentlich immer helfen wollen, aber es war so scheu, dass es sich fast nicht getraute, das Haus anzufassen.

   Dann schlurfte ein Igel herüber und stemmte sich mit seinem Stachelrücken gegen das Haus. Aber es geschah auch nichts, außer, dass es das Haus an seiner Vorderseite ein wenig kitzelte.

   Ein Maulwurf erschien und dann ein Eichhörnchen, eine Mäusefamilie auf der eiligen Durchreise mit einem Kinderwagen aus einer Walnusshälfte und sogar ein Fuchs, der vor lauter Mitleid mit dem Haus seinen Hunger vergessen hatte und nach und nach waren es mindestens siebenundzwanzig Tiere, die alle das Haus umdrehen wollten.

   Ein Rabe erbot sich sogar zu helfen, indem er sich auf den Schornstein setzte und von dort oben das Kommando gab, damit alle Tiere gemeinsam drücken und schieben sollten.

   „Kraaaruck, kraaaruck!“, krächzte er. Und noch einmal: „Kraaaruck, kraaaruck!“

   Aber nichts geschah.

   Nicht einmal eine einzige Tannenzapfenbreite bewegte sich das Haus. Und obwohl es nicht regnete, sahen alle die Tiere, dass wieder Tropfen an den Fensterscheiben entlang liefen.

   Das Haus weinte bitterlich.

   Da berieten sich die Tiere, denn sie wollten so gerne dem Haus helfen, dass es nicht mehr so traurig war. Aber es fiel ihnen nichts Gescheites ein.

   „Was ist denn hier für eine Trauerkloßgesellschaft“, brummte es plötzlich über ihnen.

   Ein Elch war des Weges gekommen und kaute noch gemütlich auf seinen Wasserpflanzen, die er am Rande des Bolmensees abgegrast hatte. Er war fast so groß, dass er problemlos mit seinen Geweihschaufeln bis an die Dachrinne des Hauses reichte.

   Die Tiere guckten alle nach oben, versammelten sich um den Elch und erzählten ganz aufgeregt von dem traurigen Haus und von ihren vergeblichen Versuchen, das Haus zum See hin umzudrehen.

   „Wenn das alles ist“, brummte der Elch und machte einen Wasserpflanzenelchrülpser. „Tschuldigung. Dann geht mal alle einen Schritt zurück. Die Kleinen natürlich ein paar Schritte mehr!“

   Die Tiere trippelten ein paar Schritte zurück je nach ihrer Größe. Manche nur zwei und manche zwölf.

   Der Elch guckte von oben herab ganz zufrieden. „Na also“, brummte er wieder, „und jetzt bist du dran, Haus. Es kann aber ein bisschen wehtun. Am Besten, wenn du die Augen zu machst.“

   Dem Haus wurde es vor Aufregung ganz schwindelig, aber es wusste nicht, wie es die Augen zu machen sollte, denn es hatte ja keine Fensterläden. Es bibberte vor Angst, dass seine Balken zitterten.

   „Achtung, es geht los!“, sagte der Elch und legte seine breite Stirn mit den Geweihschaufeln gegen die Vorderwand des Hauses und fing an, sich dagegen zu stemmen.

   Das Haus fühlte ein unangenehmes Ziehen in seinen Grundfesten. Der Elch drückte stärker dagegen und in den Fundamenten des Hauses knirschte und knackte es und es klapperte vor Angst mit den Dachziegeln.

   Dann holte der Elch noch einmal tief Luft und es hörte sich an, als würde ein Wirbelsturm durch die Birken dröhnen und dann brüllte er mit all seiner Kraft: „Achtung! Jetzt!“, und schob was er nur konnte gegen das Haus.

   Es knirschte und knackte und krachte und polterte.

   Da wurde es dem Haus ganz schwarz vor Augen und es fiel in Ohnmacht.

   Es schien schon die späte Nachmittagssonne als das Haus wieder aufwachte. Seine Balken fühlten sich an als hätten sie Muskelkater und überall blaue Flecken. Das Haus seufzte und schlug die Augen auf in dem es durch seine Fenster blickte.

   Nein!

   Welch eine Überraschung!

   Es sah geradewegs auf den See!

   Durch seine Wohnzimmerfenster, die immer auf den Wald geblickt hatten, konnte es direkt auf die gelben Seerosen sehen und durch das kleine Küchenfenster die Anlegebucht für das bunte Boot und durch das hintere Schlafzimmerfenster konnte es den hinteren Teil des Sees erblicken, da wo die Sonne die kleinen Wellen ganz silbrig glitzern ließ.

   Das Haus seufzte vor Wohlbehagen und konnte sich gar nicht genug daran satt sehen.

   Es wollte sich bei allen Tiefen bedanken und dem kräftigen Elch. Aber sie waren alle verschwunden. Es hörte nur ein freundliches Gemurmel im Wald.

   Da kam dem Haus eine Idee.

   Ich werde dem schwedischen Verkehrsminister eine Postkarte schreiben mit einem Bild von mir, damit er an den Straßen Schilder aufstellen lässt, auf denen ein Elch abgebildet ist, damit alle Autofahrer aufpassen, wenn ein Elch über die Straße läuft. Es darf ihnen nichts passieren.

   Und so tat das Haus.

 

 

 

 

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© Gerhard Roth