Winterschön

                               Kapitel 1

 

 

  Großmume Blublas geheime Bücherkiste

 

 

   Als Anna Algenschön eines Morgens aufwachte, entdeckte sie den ersten Raureif auf ihrer Bettdecke aus weich gewebtem Schaumkraut. Es sah aus wie Großmume Blublas Puderzucker auf ihren köstlichen Kalmusplätzchen.

   Anna Algenschön lebte mit ihrer Großmume und Willi Wassermann und all den anderen im Froschteich und hatte die wunderschönsten grasgrünen Haare im ganzen Teich.

   Und die wunderschönsten grasgrünen Augen im ganzen Teich. Mit ganz langen Wimpern wie seidige grasgrüne Algen.

   Und im Frühjahr und Sommer schwamm sie durch den Teich und machte vor lauter Übermut richtige Unterwasserpurzelbäume und konnte sogar dreizehn Schwimmsprünge hintereinander machen. Dann musste Willi neben ihr stehen und mitzählen.

   Aber jetzt war es kalt. So kalt wie jedes Jahr, wenn der See anfing zuzufrieren.

   Sie zog die Bettdecke hoch bis zur Nasenspitze und freute sich. Unter der Bettdecke war es so schön kuschelig warm, als hätte die Großmume gerade die Tür zu ihrem Backofen aufgemacht.

   Jetzt würde die wundervolle Zeit beginnen, wenn der See oben zufror und sich alle Teichbewohner auf den Winterschlaf vorbereiteten.

   Sie liebte den Winterschlaf. Er begann gleich nach Weihnachten und dauerte fast drei Monate. Aber drei Monate waren ihr eigentlich viel zu lange. Sie wäre viel lieber zwischendurch aufgewacht und hätte ihre Schwimmsprünge gemacht. Oder Unterwasserpurzelbäume.

   Aber es waren auch drei Monate voller Träume.

   Und Anna träumte furchtbar gerne.

   Manchmal dauerte ein Unterwassertraum zwei Wochen lang. Am liebsten träumte sie von der Seerosenkönigin mit ihren silberrosa Lippen und den wunderschönen Augen. Und ihr zweitliebster Traum war, wenn sie mit ihrem Rennstichling, den ihr die Seerosenkönigin geschenkt hatte, durch die Algen sauste. Dann kitzelten sie die Algen so schön an ihren Armen. Der Rennstichling war jetzt schon in seinem Stall und fraß von dem Binsenheu, das Anna im Sommer geerntet hatte.

   Anna zog die Bettdecke noch ein bisschen höher, bis fast nur noch ihre grasgrünen Haare zu sehen waren. Ihre Augen wurden schon wieder ein wenig schläfrig und sie sah sich schon mit Willi Wassermann auf einer Unterwassersandbank Picknick machen, wenn die Sonnenstrahlen durch die Wasseroberfläche fielen und das Wasser so klar und blau wurde, wie es nur im Frühling sein konnte.

   Sie konnte den Duft von frischem Wasser im Frühling so richtig riechen und schob ihre kalte Nasenspitze wieder unter der Bettdecke hervor und ...

   „Anna!“, hörte sie eine Stimme. „Anna!“

   „Ja?“, murmelte sie schläfrig und schnupperte in Gedanken den Duft von saftig frischem Algengrün.

   „Anna!“ Willi Wassermann stand vor ihr mit seiner Silbergießkanne in der Hand und machte ein ratloses Gesicht. Willi hatte von der Seerosenkönigin Nymphaea Alba von Alisma diese Silbergießkanne geschenkt bekommen. Damit musste er jeden Tag die Kräuter in Großmume Blublas Kräutergarten gießen. „Anna, der Brunnen ist zugefroren, zugefroren“, sagte er so langsam, dass er manche Worte zweimal sagen musste. „Was soll ich denn machen, machen?“

   Anna musste über sein Gesicht so laut lachen, dass kleine Luftblasen zur Seeoberfläche stiegen.

   „Willi!“, rief sie und dachte überhaupt nicht mehr an den Winterschlaf und die Träume. Sie schlug die Bettdecke zurück und war mit einem Schwimmsprung aus dem Bett. „Das ist doch ganz einfach. Du machst einfach ein Loch in das Eis und schon hast du wieder Wasser.“

   „Du hast gut reden, Anna“, brummelte Willi und grapschte nach seinem grasgrünen Algenteddy, den er neuerdings  auf seiner Schulter sitzen hatte. „Womit soll ich denn ein Loch in das Eis machen?“

   Anna überlegte nicht lange. „Willi, du Einfaltsfrosch!“, rief sie. „Hinterm Häuschen ist doch Großmume Blublas Sammelsurium. Das, was die Menschen ins Wasser geworfen haben. Da ist bestimmt was dabei.“

   Sie gingen hinters Haus zu dem großen Haufen an verrosteten Gegenständen und suchten darin. Sie wussten nicht, wofür das alles zu gebrauchen war. Anna hob etwas auf. Es war ein Holzstiel mit einem Stück Metall daran. „Hier, damit müsste es gehen.“

   „Oder mit diesem großen Angelhaken, Angelhaken?“, fragte Willi.

   „Schtschtscht!“, tönte es durch die Algen. “Dieses – äh – Wort darf man hier nicht aussprechen!“

   Anna und Willi drehten sich um.

   „Welches Wort, Wort?“, fragte Willi. „Etwa Angelhaken?“

   „Um Karpfens willen!“ Professor Aurelius Aquaticus Froschlöffel kam durch die Algen geschwommen. „A N G E L H A K E N darf man hier nicht – äh – aussprechen. Erst neulich haaaben sie wieder zwei von uns – äh – herausgezogen. Ich möchte nicht wissen, waaas mit denen – äh – passiert  ist.“

   Er machte eine vorsichtige Halsabschneidergeste.

   Professor Aurelius Aquaticus Froschlöffel war der berühmte Chorleiter des berühmten Froschchores am See. Seine gelbgrünen, nach allen Seiten abstehenden Haare waren schon ganz struppig und stumpf, denn er bereitete sich auch auf den Winterschlaf vor. Er gähnte und hielt sich die Schwimmhäute vor den Mund.

   „Ach Wasserlapapp!“ Großmume Blublas energische Stimme erklang. „Nehmt ruhig diesen rostigen Hammer. Ein Hammer im Hause erspart den Zimmermann.“

   „Muss ich denn auch im Winter gießen, gießen?“, maulte Willi.

   „Das walte unser dicker Blubberbarsch!“ Die Großmume stemmte die Hände in die Hüften. Das sagte sie immer, wenn sie etwas ganz bestimmt wollte. Und giessen musste Willi in diesem Winter ganz besonders. „Im Herbst hat es nicht ein einziges Mal geregnet. Da vertrocknet mir mein ganzer Wasserkelch.“

   „Den esse ich eh nicht so gerne, gerne“, brummte Willi.

   Der Professor hob wichtig seine Schwimmhäute.

   „Das ist ja fast so wie in – äh – Aaaaafrika“, quakte er.

   „Afrika?“, fragte Anna.

   Jetzt war der Professor so richtig in seinem Element. „Aaaaafrika“, quakte er weiter und vergaß das Gähnen, „Aaaafrika ist gaaanz weit weg. Da scheint – äh – immer die Sonne, und da sind die Frösche gaaanz bunt.“

   „Bunt?“, fragte Anna.

   „Jaaaa“, quakte der Professor wichtig. „Manche sind knallrot und haben blaue – äh – Punkte. Und einmaaal hatte ich ein – äh – Konzert  als Gastprofessor mit richtigen aaafrikanischen – äh – Brüllfröschen. Das war das lauteste Konzert. Man konnte es beinaaahe bis naaach – äh – Europa hören“, sagte er stolz und blies seine Backen auf wie kleine Luftballons.

   „Sicher ist es da so trocken wie in Molle Molchs Hals, wenn er Halsweh hat“, fuhr die Großmume dazwischen.

   „Noch trooockener!“ Professor Aurelius gähnte. „So trocken, dass die – äh – Teiche manchmaaal ganz aus – äh – Sand sind.“

   Anna erschrak. „Aus Sand? Und Drip und Drop? Regnen die dort nie, so wie bei uns?“

   Der Professor schüttelte betrübt seine gelbgrünen Haare. „Dort ist es so – äh – heiß, dass sie schon vertrocknet sind, bis sie – äh – herunterfallen.“

   Die Großmume schnupperte plötzlich. „Ach du biestige Binse“, rief sie, „meine Weihnachtsplätzchen!“ Sie steckte sich eilig ihren grünen Dutt auf und lief in die Küche, aus der ein angebranntes Gerüchlein kam.

   Anna zog Willi am Ärmel, dass sein Algenteddy beinahe abgestürzt wäre. „Komm, Willi, wir hacken ein Loch in das Eis.“

   Mit diesem Hammer, wie es die Großmume nannte, ging es wunderbar. Anna hackte ein Loch in das Eis des Brunnens, Willi füllte maulend die Gießkanne und fing an den Wasserkelch zu gießen. Sie hörte die Großmume in der Küche singen:

 

                   „Heut back ich Weihnachtsplätzchen

                   für alle meine Schätzchen

                   mit Algen und Rosinen

                   und Hornblattmandarinen

                   und obendrauf noch Zuckerguss

und geb euch allen einen Kuss!“

 

   Anna hörte ihr vergnügtes Lachen und obwohl das Wasser im November schon sehr kalt war, wurde ihr ganz warm innendrin. So warm wie im Backofen der Großmume.

   Sie machte einen Schwimmsprung. Aber er war nicht sehr hoch und nicht sehr weit. Sie spürte schon den kommenden Winterschlaf. Obwohl es noch nicht Abend war und noch Tageslicht durch die Seeoberfläche fiel, fühlte sich Anna ein bisschen müde. Sie dachte wieder an ihr kuscheliges Schaumkrautbett.

   Afrika! Genau. Sie wollte von Afrika träumen. Ganz lange. Und dann wollte sie Drip und Drop, den beiden Regentropfen, sagen, wie sie auf die Erde regnen konnten, ohne vorher zu vertrocknen.

   „Ist doch ganz einfach“, dachte sie, als sie sich die Bettdecke wieder bis zur Nasenspitze hochzog. „Ihr müsst euch nur ganz dick mit Westwindwasser voll saugen, und dann bleibt noch genug übrig, wenn ihr auf die Erde fallt.“

   Zufrieden mit ihrem Einfall schloss sie die Augen und dachte noch an ihren Muschelweihnachtskalender, an den sie bald klopfen würde, damit sich die erste Muschel öffnete.

   Anna träumte.

   Sogar im Schlaf spürte sie, wie sie träumte.

   Sie schwebte durch die Algen und konnte die Lichter auf den Algenbäumen sehen. Die Lichter waren winzig kleine Gold- und Silberfischchen wie Kerzen auf einem Tausendblattweihnachtsbaum. Und die Kugeln waren silbrige Luftblasen, die an den Zweigen der Tausendblattweihnachtsbäume hingen. Anna lachte und sie fühlte, wie sie im Traum richtig lachen konnte.

   Es war ein Unterwasserwinterhalbschlaftraum. Sie machte einen ganz vorsichtigen Schwimmsprung, damit die Weihnachtskugeln nicht durcheinander gerieten und die Gold- und Silberfischchen nicht davonschwammen, und dann sah sie sich, wie sie im Traum zu ihrem Unterwasserweihnachtsmuschelkalender schwamm. Für jedes Türchen gab es eine Muschel, und jedes Mal, wenn sie mit ihrem rechten Zeigefinger drei Mal dagegen klopfte, öffnete sich die Muschel und ein afrikanischer Brüllfisch erschien. Und wenn sie mit ihrem linken Zeigefinger dagegen klopfte, dann öffnete sich die Muschel und ein afrikanischer bunter Frosch erschien, erst ein roter mit dicken blauen Punkten, dann ein gelber mit lila Punkten und dann ein rosa mit orangefarbenen Streifen. Und am vierundzwanzigsten Dezember war es ein goldener Frosch mit ganz silbrigen Flügeln. Der guckte aus der Muschel heraus und quakte: „Naaasse Weihnaaaachten!“ Und hinter ihm stiegen ganz viele Perlen empor aus Perlmutt und goldenem Sonnenlicht und auf jedem Sonnenstrahl saßen Drip und Drop und rutschten auf den Strahlen in den See wie auf einer Sonnenrutschbahn und waren auf einmal Schneekristalle, die sich auf den Tausendblattweihnachtsbaum legten und ihn verzuckerten, als müsste man von ihm naschen. Wie Willi von den Kalmusrosinen mit Puderzucker oder wie ...

   „Anna!“

   Sie hörte eine Stimme von ganz weit weg, als käme sie vom ganz großen See.

   „Anna!“, sagte die Stimme wieder. „Mir ist langweilig, langweilig.“

   Sie öffnete halb die Augen und sah Willi vor sich mit roten Punkten und kleinen silbrigen Flügeln und um ihn herum sausten kleine Gold- und Silberfischchen.

   „Anna, wach auf.“ Willi hielt ihr seinen Algenteddy vor die Nase. „Mir ist so langweilig. Und die Großmume hat das Essen fertig – fertig. Zum Nachtisch gibt es Algenpudding mit Algeneis!“

   Anna hörte, wie Willi genüsslich schmatzte. Sie drehte sich zur Wand und vergrub ihr Gesicht im weichen Buschmoos-kopfkissen.

   „Willi“, murmelte sie traumtrunken, „du hast ja silberne Flügel und ganz viele rote Punkte!“

   Aber Willi brummelte nur: „Für den Winterschlaf ist es noch viel zu früh, früh. Ich geh jetzt zur Großmume.“

   Mit einem Sprung war Anna aus dem Bett. Wenn sie jetzt richtig einschlief, dann verpasste sie Weihnachten und war dann im Frühjahr viel zu früh wach, wenn es im See noch kalt und klamm war und die Algen und Binsen noch grau und braun. Halb schwamm sie und halb stolperte sie in Großmume Blublas Küche, aus der schon von weitem ein verführerischer Duft kam, nach ...    Algenpudding mit Algeneis!

   So etwas gab es nur im Winter. Die Großmume hatte ihr einmal erzählt, dass die Menschenkinder Eis nur im Sommer schleckten. Anna konnte sich das gar nicht vorstellen. Eis im Sommer! Brrrr!

   Mit einem Mal war Anna hellwach.

   Sie hatte Hunger wie ein ausgewachsener Hecht!

   „Großmume! Großmume!“, rief sie. „Ich hab vom Tausendblattweihnachtsbaum geträumt und von meinem Muschelweihnachtskalender und ...“

   Die Großmume füllte gerade eine dampfende Schüssel mit Wasserkelch.

   „Der ist heuer besonders gut“, sagte sie zufrieden, „und gesund. Wegen der vielen Vitamine."

   Willi schüttelte sich. „Vitamine!“

   Er schielte zu den gebackenen Wasserflöhen, die auf dem Herd leise vor sich hin brutzelten.

   „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“, sagte sie und blickte voller Stolz auf dem gedeckten Tisch herum. „Esst nur tüchtig, damit ihr euch einen ordentlichen Winterspeck anfuttert. Sonst geht es euch wie Molle Molch.“

   Molle Molch hatte im letzten Jahr vergessen, sich einen richtigen Winterspeck anzufuttern und bekam dann im Sommer immer wieder Halsweh.

   „Winterspeck!“ Anna kaute auf dem Wasserkelch herum. Sie mochte keinen Wasserkelch. Und sie hasste Winterspeck. Winterspeck war eklig, und wenn er im Frühjahr beim Aufwachen noch nicht richtig verschwunden war, konnte man auch keine richtigen Schwimmsprünge machen. Und schon gar keine Unter-wasserpurzelbäume.

   Und ohne dass es die Großmume und Willi bemerkten, stibitzte sie unbemerkt vom Algenpudding.

   Willi wollte heimlich von den gebackenen Wasserflöhen naschen, aber diesmal hatte die Großmume aufgepasst. „Wer keinen Wasserkelch isst, der kriegt auch keine gebackenen Wasserflöhe“, sagte sie und blickte mit gespielter Strenge über ihre Brille.

   Da ging die Tür auf und Molle Molch schwamm herein mit einem dicken Halswickel. Er war ganz blass und hustete.

   „Wen`s zu spät zum Essen treibt, der muss essen, was übrig bleibt!“ Die Großmume versuchte noch strenger zu blicken, aber dann siegte doch ihr Großmumenherz, und sie schob Molle Molch die besten Sachen hin.

   Und Molle Molch ass, dass man beinahe zusehen konnte, wie er Winterspeck ansetzte.

   „Ich kann nicht mehr“, seufzte Anna nach dem Algenpudding mit dem Algeneis.

   „Ich auch nicht, nicht“, stöhnte Willi.

   Alle waren fertig, nur Molle Molch aß weiter, bis er richtig schwitzte.

   „Und nun ab in eure Betten“, sagte die Großmume gut gelaunt. „Ein Schlaf danach sind mindestens ein halbes Pfund Winterspeck.“

   Aber Anna dachte nicht ans Schlafen. Das war ihr jetzt viel zu langweilig. „Komm, Willi, ich hab eine Idee“, flüsterte sie.

   „Hab ich auch eine Idee, Anna?“, murmelte Willi schläfrig. „Hab ich auch?“

   Aber Anna zog Willi einfach mit sich fort bis in den an das Binsenhäuschen angrenzenden Schilfschuppen. Es war schon ziemlich duster und Anna zündete das kleine Leuchtfischlämpchen an.

   Sie war schon oft hier gewesen, wenn sie der Großmume ein Glas von den eingemachten Wasserhyazinthengelees holen sollte. Überall auf den Röhrichtregalen standen große und kleine Gläser, alle fein säuberlich beschriftet mit kleinen Schildchen, auf denen stand in grüner, verschnörkelter Schrift, was  in den Gläsern drin war.

   Muschelblumensaft stand da und azurblaue Eichhorniamarmelade und  rahmweißes Fettblattschmalz und gelbe, süßsauer eingemachte seegrasblättrige Trugkölbchen und rote Flaschen voller Sumpfhornsirup und eingelegter dunkler, großwurzeliger Tännel und ganz hinten mit grünen Schildchen feinstes eingemachtes Quellmoos. Aber das gab es immer nur an Festtagen.

   Am liebsten hätte Anna eins von diesen grünen Gläsern aufgemacht und von dem süßen Quellmoos genascht. Aber erstens hatte sie keinen Hunger mehr und zweitens wusste sie genau, dass die Großmume die Gläser gezählt hatte. Schon wegen Willi.

   Willi hatte es sich in einer schummrigen Ecke des Schuppens bequem gemacht zwischen alten Gartengeräten wie dem schon etwas rostigen Moosschlürfer und dem mehrzinkigen Wasserpestrechen und dem ekligen Sumpfschrauber.

   Er war ganz müde und sein Algenteddy war ihm von der Schulter auf den Bauch gefallen. „Hab ich auch eine Idee, Anna?“, fragte er schon wie im Schlaf.

   Anna wusste eigentlich nicht so recht, wonach sie suchen sollte. Da sah sie im Schein des Leuchtfischlämpchens die Kiste aus weißen Weidenzweigen. Es war Großmumes Kiste, in der sie ihre Kochrezepte aufbewahrte. Anna wusste, dass es die Großmume beim Barte des Karpfens verboten hatte, wenn sie alleine an diese Kiste ging.

   Aber Anna war neugierig, so neugierig wie ein neugeborenes rosarotes Krebschen.

   Der Deckel liess sich ganz leicht öffnen und ein paar trübe Luftblasen stiegen empor und blieben an der Decke des Schilfschuppens hängen. Sie beugte sich über die Kiste und blätterte in den Kochrezepten mit den vergilbten Seiten.

   Enttäuscht wollte sie den Deckel schon wieder schließen, da sah sie die anderen Bücher. Sie nahm sie vorsichtig in die Hand und wischte das Moos von den Einbänden. Ihr Herz klopfte noch viel stärker als wenn sie mit ihrem Rennstichling mit hundertachtzig Sachen durch die Algen jagte.

   Merkwürdige Sachen standen da in den Büchern, Zeichnungen und Bilder, von denen sie nichts verstand und die sie noch nie gesehen hatte. In einem Buch waren Häuser mit Flügeln. Und in diesen Häusern waren Maschinen, in die ein Mensch aus einem Sack etwas hineinschüttete und aus denen am Ende etwas herauskam, das aussah wie Puderzucker.

   Anna wusste ganz genau, dass es die Großmume auf das Allerstrengste verboten hatte, die Kiste aufzumachen. Ihr Herz pumperte jetzt, als würde sie mit ihrem Rennstichling mit zweihundertundzehn Sachen durch die Algen jagen.

   Anna wühlte in der Kiste und fand noch mehr Bücher, in denen Tiere waren, die sie noch nie gesehen hatte. Braune Tiere mit vier Beinen, die eine Leine um den Hals hatten und hinter einem Menschen hergingen.

   Und dann sah sie ein Buch mit vielen Bildern von kleinen Menschen, die auf kleinen Stühlen saßen hinter kleinen Bänken. Und vor diesen Bänken stand ein erwachsener Mensch und malte etwas mit einem weißen Stift an eine grüne Wand.

   Und dann waren Bilder da von kleinen Menschen, die auf etwas fuhren, indem sie ihre Hände an einem Metallrohr festhielten und ihre Füße gleichzeitig auf eine winzig kleine Metalltreppe traten.

   Anna staunte.

   So etwas hatte sie noch nie gesehen. Die Großmume erzählte zwar hin und wieder von den Menschen, von den großen und den kleinen, aber meistens handelte es davon, dass die Menschen Sachen in den Teich warfen ohne darüber nachzudenken. Sie dachte an Großmume Blublas Sammelsurium hinter dem Binsenhäuschen.

   Und dann sah sie in einem Bilderbuch einen merkwürdigen Baum, der aussah wie ein Tausendblattweihnachtsbaum, aber doch ganz anders, als sie es kannte. Er hatte ganz dünne, spitze Blätter und rote Stengel, auf denen kleine Flämmchen standen. Und die Weihnachtskugeln waren wie aus Glas und nicht aus Luftperlen und leuchteten rot und blau und gelb und silbrig. Und oben auf der Spitze saß ein kleines rosa Mädchen mit zwei goldenen Flügeln und hatte ein wunderbar süßes Gesicht.

   Anna musste es immer wieder ansehen.

   Aber am allerbesten gefiel ihr ein Mädchen, das fast so aussah wie sie selbst.    Nur dass das Mädchen gelbe oder goldene Haare hatte und gerade ein Geschenk auspackte, das in einer rot glänzenden Schachtel war. Das Mädchen hatte ein Kleid an. Ein richtiges Kleid aus rotem Stoff mit blauen Spitzen an den Ärmeln.

   Anna blätterte in dem Buch weiter und staunte über die schönen, glänzenden Bilder. Auf einem Bild sah sie viele Kinder, die in Gruppen zusammenstanden vor einem großen Gebäude und sich mit weißen Kugeln bewarfen. Die Kinder lachten und waren ganz fröhlich. Gar zu gerne hätte sie mitgemacht, denn Anna konnte gut werfen. Sie dachte an den Muschelgehäuseweitwurf, in dem sie immer besser war als Willi. Anna blätterte gerade wieder eine Seite um, da ...

   Ein Geräusch!

   Hastig schlug Anna das Buch zu, verstaute es schnell in der Kiste, legte schnell alle Kochrezepte obendrauf und klappte den Deckel zu.

   Wieder ein Geräusch!

   Oje! Wenn die Großmume sie hier entdecken sollte. Dabei hatte sie ihr doch ausdrücklich verboten, alleine an diese Kiste zu gehen.

   Anna sah sich in dem schummrigen Licht des Leuchtfischlämpchens um. Nichts.

   Jetzt wieder!

   Es kam aus Willis Ecke.

   „Willi, du Schnarchbarsch!“, rief sie erleichtert.

   Willi war eingeschlafen und aus seinem Mund war ein blubberndes, schmatzendes Schnarchen zu hören. Und jedes Mal, wenn er ausatmete, machte er kleine Wellen, die an den Wasserpestrechen schwappten.

   „Willi Winterschläfer!“ Sie rüttelte ihn an der Schulter, bis er die Augen einen Schilfblattbreit öffnete. „Nun komm schon. Ich muss unbedingt zur Großmume. Unbedingt.“

   Und wenn Willi nicht so dick gewesen wäre wie ein fetter Karpfen, hätte sie ihn am liebsten zur Großmume geschleppt, so eilig hatte sie es. Sie konnte sich nicht erinnern, es jemals so eilig gehabt zu haben. Willi blubberte schläfrig hinter Anna her.

   Anna platzte in Großmume Blublas Küche. Die Großmume hatte es sich gerade in ihrem Schaukelstuhl neben dem Backofen bequem gemacht und die Füße auf ein kleines Binsenschemelchen gestellt. Die Brille war ihr auf die Nase gerutscht und das Algenstrickzeug aus der Hand geglitten.

   „Großmume, Großmume!“, rief Anna. „Aufwachen. Aufwachen. Ich muss zu den Menschen!“

 

 

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© Gerhard Roth