Warum ich immer noch an den Nikolaus glaube 

Leseprobe 

 

 

 

 

 

Der verliebte Nikolaus

 

   Manchmal ist auch der Nikolaus verliebt.

   Dem Nikolaus traut man das nicht so richtig zu, denn er tritt immer nur als einfacher Mann auf mit dem Sack auf dem Rücken und macht immer nur hohoho und hat eine Rute in der Hand, um die Kinder zu erschrecken.

   Aber manchmal erwischt es mit der Liebe auch den Nikolaus.

   Nein, es war nicht irgendein x-beliebiges Sternenmädchen, dem er mit seinem blauen Samtlappen die Sternenstrahlen geputzt hat und das dann anschließend immer nur kicherte, um den Nikolaus in eine mädchenhafte Sternenfalle zu locken. So einfach falle ich darauf nicht herein, auch wenn ich der Chef bin.

   Schlussendlich habe ich das Sternenputzen meinem Hausdiener übertragen, der eins von diesen Sternenmädchen dann geheiratet hat. Das hat mir die Mondfrau erzählt.

   Und am Tag der Hochzeit hatte ich den beiden eine besonders schöne Puppe von der Weihnachtswiese geschenkt. Eine gewisse Anspielung war schon dabei. Von wegen Kinderkriegen und so. Denn auf der Weihnachtswiese wachsen die schönsten Puppen und die niedlichsten Teddybären, die man immer umdrehen muss, damit sie einmal „Bääääähr“ sagen.

   Die beiden haben sich jedenfalls gefreut, weil sie von ihrem Chef etwas Besonderes geschenkt bekamen.

   Und dann musste ich auf die Erde, um meinen Job zu erledigen. Weil die Kinder auf mich warteten.

   Die Rentiere waren schon ziemlich unruhig und zerrten an den Zügeln und wollten nur einfach lostraben wie die Alaskahuskies, die einfach nur laufen wollen.

   Es war gar nicht so einfach, die Rentiere im Zaum zu halten, und dann flogen wir am Orion vorbei und all den andern Sternen, bis ich auf ein Mal merkte, dass ich ein paar Geschenke vergessen hatte. Na ja, Nikoläuse werden halt auch nicht jünger. Also hielt ich die Zügel fest im Griff und bremste. Und wer ein Mal auf der Milchstrasse gebremst hat, der weiß genau, wie gefährlich das ist.

   Rentiere haben nämlich keine eisenbeschlagenen Hufe wie die Pferde auf der Erde, aber nach einem gehörigen Schlittern auf der vereisten Milchstrasse kamen wir dann doch zum Stehen, wobei wir beinahe in den Abgrund des Universums gefallen wären, aber dann fuhren wir zurück zur Weihnachtswiese.

   Es war verdammt kalt, und all meine Rentiere hatten rote Nasen  wie in diesem irdischen Lied von Rudolph The Red-Nose-Rendeer.

   Zurück auf der Weihnachtswiese packte ich die letzten Geschenke in den Schlitten ein und rief noch ein Mal hohoho, denn das lieben die Rentiere am meisten, und dann ging es wieder los.

   Ein einziges Mal bremste ich noch, als wir am Siebengestirn vorbei kamen. Der Große Wagen war beim Vorüberfahren kein Problem, denn den hatten schon die alten Seefahrer benutzt, um den Polarstern zu finden, der immer nach Norden weist. Die mussten einfach nur die fünffach verlängerte hintere Achse des Großen Wagens erkunden, und schon wussten sie, wo Norden ist. Denn der Polarstern steht immer am gleichen Punkt am Himmelszelt. Egal ob im Süden der Erdhalbkugel oder im Osten oder sonstwo.

   Und wenn ich mir das alles so von oben betrachte mit der Magelhanstrasse und dem Christof Columbus, wobei ich nicht so genau weiß, ob sein Vorname am Ende mit PH oder mit F geschrieben wird. Ist mir auch egal. Jedenfalls weiß ich ziemlich genau, dass ein neuer Kontinent von Erik dem Roten entdeckt wurde.

   Der wollte eigentlich nach Grönland fahren und ist dann irgendwann in Neufundland gelandet, und später haben die Menschen auf der Erde gesagt, dass das die Entdeckung Amerikas wäre.

   Die Erde ist schön blau und grün und hat oben und unten ganz weiße Kappen. Sie sieht wunderbar aus. Jedenfalls aus der Ferne.

   Aber das Siebengestirn ist anders, weil die siebte dieser Sterne so neugierig ist, dass sie immer sehen will, was auf dieser winzigkleinen Erde so passiert. Und zur Strafe wurde sie wegen ihrer Neugier verbannt und durfte nur alle sieben Jahr leuchten. Deshalb sehen die Erdenleute meistens nur sechs Sterne.

   Jedenfalls habe ich meinen TomTom eingeschaltet, weil ich ein wenig zu weit nach links geflogen war. Kann ja mal auch einem Nikolaus passieren. Und diese Stimme auf dem TomTom sagte, dass ich an der nächsten Abbiegung nach rechts fahren sollte.

   Also griff ich in die Zügel der Rentiere und fuhr rechts an der Venus vorbei. Die leuchtete ziemlich hell, dass sie beinahe die Rentiere geblendet hätte. Wir schafften es aber trotzdem.

   Fahren Sie an der Venus vorbei, sagte die TomTomStimme, und dann rechts am Mond und überholen Sie nicht. Es kommt Ihnen ein Sternenfahrer auf der Überholspur entgegen.

   Sollte das etwa das Christkind gewesen sein, das sich in der Zeit verirrt hatte oder, schlimmer noch, der Osterhase, mit dem ich einen Deal hatte von wegen Geschenken und so. Denn Eier bemalen war nicht ganz so mein Ding. Aber manchmal konnten wir Geschenke für die Kinder austauschen.

  Na ja, schließlich kamen meine Rentiere und ich rechtzeitig auf dem Weihnachtsmarkt in Bruchköbel an, und ich parkte sie noch samt Schlitten im nahen Stadtpark. Es war gar nicht so einfach, weil die Rentiere nach der langen Reise ziemlichen Hunger hatten und nichts zu fressen fanden, weil das Gras schon abgemäht war.

   Auf dem Weihnachtsmarkt, auf dem es ganz schrecklich nach Glühwein roch und so einem süßen Zeug, hätte ich lieber ein Wiener Schnitzel gegessen mit Pommes. Aber dann haben sie mich auf eine kleine Bühne gestellt mit einem Bläserchor von der Musikgruppe Concordia oder so.

   Ich musste mir dann die sattsam bekannten Gedichte der Kinder anhören von wegen Nikolaus und wir haben dich so gern und Apfel, Nuss und Mandelkern und von wegen fünfter Advent, dann hast du Weihnachten verpennt und all so einem Kram.

   Manchmal blickte ich zwischendurch, damit die Kinder es nicht merkten, auf meine Armbanduhr. Denn ich hatte ja noch einen Termin in Offenbach.

  Da warteten noch viele Stiefel auf mich. Und die wollten alle noch gefüllt werden.

   Also packte ich meine Siebensachen wieder ein und ging zu meinen Rentieren in den Stadtwald und rief zum wiederholten Male hohoho, um sie aufzuwecken, weil ein paar von ihnen schon schnarchten. Was sollen auch Rentiere anderes tun außer Gras fressen und dann einschlafen.

   Aber nach dem hohoho waren sie ziemlich munter, und als sie die Stimme von mir und meinem TomTom hörten, zogen sie derart den Schlitten an, dass ich beinahe Angst bekam.

   Knapp über der A66 in Richtung Westen war es dann wieder gut, und ich hatte das Gespann im Griff.

   Zuerst musste ich ein paar Kinder durch einen Kamin besuchen und Geschenke hindurch werfen. Das war in der Berliner Straße, und später in der Kaiserstrasse hatten sie versehentlich Feuer im Ofen brennen lassen, und der Schornstein war so heiß, dass ich mir beinahe die Finger verbrannt habe.

   Aber das nur nebenbei.

   Mein TomTom war nämlich ausgefallen, und ich wusste nicht so genau wohin. Mein Zettel mit den Kindergeschenkadressen lag oben auf der Weihnachtswiese.

   Da hielt ein Taxi neben mir, und eine helle Frauenstimme fragte mich, ob ich irgendwohin wollte.

   „Na ja“, sagte ich, „ich habe noch elf Geschenke auszuliefern und ein paar Stiefel zu füllen.“

   Sie beugte sich an der Fahrerseite aus dem Fenster und musterte mich. „Na klar, Alter“, sagte sie. „Kein Problem.“

   Und dann stieg sie aus und half mir, den halb gefüllten Sack in den hinteren Teil des Wagens zu legen.  Und dann streifte mich ihr Duft, und er ging mir bis in den linken Stiefel.

   Wahrscheinlich dachte sie, dass ich einer jener bezahlten Studentennikoläuse wäre.

   „He Alter, anschnallen!“, sagte sie, als wir im Auto saßen.

   Sie half mir beim Anschnallen. Ich wusste nicht wie man das macht, denn ich hatte mich auf meinem Rentierschlitten noch nie angeschnallt. Warum auch.

   „Wohin?“, fragte sie und biss in ein Butterhörnchen.

   Und ich saß auf dem Beifahrersitz und hatte noch nie solch ein zauberhaftes Wesen Hörnchen essen gesehen, dem die Butterflöckchen am linken Mundwinkel klebten. Ich habe zwar noch nie geküsst, aber ich hätte ihr am liebsten diese Butterflöckchen aus ihrem Mundwinkel geküsst.

   Kein Weihnachtswiesenquatsch. Ich hatte mich richtig verliebt.

   „Wie?“, fragte ich.

   „Na, wohin?“

   „Ach so. Ich habe meinen Zettel vergessen.“

   An der nächsten Kreuzung drehte sie ihren Kopf zu mir und sah mich an. Ihre Augen waren im Ampelgegenlicht rot und gelb und grün.

   „Grün“, sagte ich.

   „Also, wohin?“, fragte sie und roch so gut nach Zimt.

   „Zum Südbahnhof.“

   Dieses Zimtwesen legte einen Gang ein, und das Auto ruckelte ein wenig.

   „Tschuldigung“, sagte sie und sah mich wieder an. „Aber einer von Ihnen hat mir mal einen Teddybär geschenkt. Den habe ich heute noch. Eigentlich muss ich noch ein paar Reifen ausliefern. Sie sind doch der Nikolaus oder Weihnachtsmann oder so.“

   Und als sie sich nach vorne beugte, um den zweiten Gang einzulegen, konnte ich ihre feinen Nackenhärchen sehen. 

    „Aber wir fahren zuerst am Bahnhof vorbei“, sagte sie, „das ist am einfachsten. Da können Sie die Geschenke abladen. Die Kinder warten schon so lange. Das ist nämlich ein sozialer Bennpunkt, wenn Sie wissen, was ich meine.“

   Natürlich wusste ich es nicht, weil ich sie von der Seite immer nur angeguckt hatte.

   Sie hat verdammt gut nach Zimt gerochen.

   Ein ganz anderes Zimt, als man es gewöhnlich so kennt.

   Jedenfalls roch es nicht so ordinär nach Weihnachtsstuben und so.

   Es war ein wunderbar weibliches Zimt wie ich es noch nie gerochen hatte. Und wenn sie Gas gab war auch ein wenig Benzingeruch dabei.

   Als wir um die Ecke zur Berliner Strasse einbogen und an der Ampel warten mussten fragte ich: „Und was machen Sie sonst noch nebenbei?“

   Ich hätte mir die Zunge abbeißen können für diese dämliche Frage, aber selbst einem Nikolaus fällt in dieser Situation nichts mehr anderes ein.

   „Ich studiere Japanologie“, hatte sie erwidert und geradeaus durch die Windschutzscheibe geguckt.

   „Ach.“

   „Ich hatte mal einen Japaner als Freund.“

   „Ach so.“

   „Wie?“

   „Es wird grün.“, sagte ich, weil mir wieder einmal nichts anderes einfiel.

   „Was?“

   „Grün. Entschuldigen Sie, aber meine Rentiere kennen so etwas nicht.“

   „Ich meine“, sagte sie und hatte immer noch ein kleines Butterflöckchen in ihrem linken Mundwinkel und hatte den dritten Gang eingelegt weil sie einen Diesel fuhr, „dass ich manchmal japanische Elemente in meiner Sprache habe.“

   Und dann hatte sie den Blinker rausgemacht und ist links abgebogen.

   In irgendeiner Straße habe ich dann irgendwelche Geschenke durch irgendeinen Kamin geworfen und habe dann irgendwelches Zeug in bereit gestellte Schuhe getan und nicht mehr so ganz genau gewusst, welche Geschenke für welche Schuhe waren, weil ich doch meinen Zettel vergessen hatte.

   Als ich zum Auto zurück kam hat es noch mehr nach diesem Zimt gerochen und nach ihr.

   „Und?“, fragte sie.

   „Wie und?“, sagte ich zurück.

   „Alles klar?“

   „Der Schornstein war diesmal nicht so heiß. Nur ein bisschen.“ Dabei blies ich mir ein paar Brandblasen von meinen Händen. Dabei hätte ich sie gerne angefasst. Vielleicht nur am Knie. Aber ich traute mich nicht, weil meine Hände so heiß waren.

   Dann fuhren wir ganz schmale Gassen entlang, und sie hatte eine unendliche Geduld, bis ich meine restlichen Geschenke abgeladen hatte.

   „Ganz schön viel zu tun“, sagte sie. „Du hast es auch nicht so einfach.“

   „Hmmm.“

   „Wie?“

   „Ach nur so“.

   „Es schneit“, sagte sie und machte den Scheibenwischer an. Aber er nutzte eigentlich nichts, weil man auch nicht besser sah. Vielleicht waren die Autos auf der Erde so. Ich weiß es nicht, weil ich auf meinem Schlitten keine Scheibenwischer brauche.

   „Komm, lass uns anhalten“, sagte sie. „Sieh nur, wie schön der Schnee fällt. Das ist so selten bei uns“.

   Dann gingen wir an einem Fluss entlang und hielten uns an den Händen.

   „Der Main“, sagte sie. „Früher war er manchmal zugefroren und wir Kinder konnten auf dem Eis Schlittschuh laufen.“

    Unter einer verschneiten Straßenlaterne küssten wir uns.

   „Dein Bart ist ganz weich“, sagte sie, „er kratzt überhaupt nicht.“

   „Du bist noch viel schöner als ein Stern“, sagte ich, weil mir etwas besseres nicht einfiel.

   Sie steckte die Hände in ihre Taschen und ging ein paar Schritte voraus. „Ach“, sagte sie, „Sterne verglühen.“

   Und ich bildete mir ein, ein paar Tränen in ihren Augen gesehen zu haben.

   Und dann dachte ich an Orion und die Venus und den Großen Wagen und den Polarstern, und ich holte sie mit drei Schritten ein und flüsterte in ihr Haar: „Sterne leuchten ewig. Jedenfalls für ein paar Millionen Jahre.“

   „Das ist doch was“, sagte sie. Und ihre Lippen waren so weich wie die Milchstrasse.

   Sie hat mich dann zurück gefahren.

   Ein paar vergessene Geschenke habe ich noch verteilt und bin dann zu meinen Rentieren gerannt, weil ich sie nicht so lange warten lassen wollte.

   Sie nehmen es mir nämlich ziemlich übel und fangen zu brummeln an, wenn ich zu lange ausbleibe.

   Dabei war ich gar nicht zu lange aus.

   Bis auf einen einzigen Kuss. 

 

 

 

 

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Gerhard Roth