schön erschrecken - Textauszug 

Blutmond

 

   Manchmal denken meine Leute, dass ich nicht mehr ganz bei Trost bin.

   Wenn ich ihnen erzähle, dass ich in einem goldenen Schiff mit schimmernden Segeln auf silbernen Sternenstrahlen bis zum Mond gesegelt bin, dann fühle ich in vorgerückter Stunde ihre merkwürdigen Blicke.

   Sie kennen mich und meine spinnerten Ansichten.

   Dabei ist es mir fern jeder Absicht, dieses erklären zu wollen. Sie verstehen es sowieso nicht.

   Damals war sie noch da.

   Manchmal fragen meine Leute nach ihr.

   Ich hasse es, silberne Sternenstrahlen und schimmernde Segelschiffe  erklären zu müssen. Entweder man sieht sie und fühlt sie und reist mit ihnen oder man lässt es einfach sein.

   Je öfter ich solche Dinge an solchen Abenden erzähle, desto befremdlicher werden die Blicke meiner Leute.

   Manche verabschieden sie sich ein wenig früher und trinken nicht einmal meinen Champagner aus. Ich bemerke schon an ihren kühlen Abschiedsküssen auf meiner Wange was sie von mir denken.

   Damals war sie noch da.

   Wunderbar eingelegte Heringshäppchen auf gecrushtem Eis hatte sie  serviert. Oder Langusten auf Fenchelcroutons. Ungewöhnlich aber genial.

   Meerestiere in jedweder Form.

   Ihr Element war das Wasser und das, was darin ist.

   Sie kennt mich und hatte sogar einmal auf zimtigem Reispapier, das aussah wie ein Segel, gebratene Seeschnecken in einem Schiffsrumpf aus überbackener Mangokruste kredenzt.

   Und dazu einen dreiundsechziger Feuerwein. Einen Fumé blanche.

   Feuer und Schiffe. Große Gourmetschlachten und kalbende Süßgletscher auf dem Teller. Abende voller traumhafter Seligkeit und heißem Verflattern wie losgelöste Segel in der warmen mondglänzenden Nachtluft.

   Damals war sie noch da.

   Ich bin immer froh, wenn alle gegangen sind.

   Dann kann ich zu den Sternen mit meinen Stiefeln aus  silbrigem Stahl reisen oder auf dem goldenen Mondsee segeln.

   Endlich kann ich wieder aus der übrig gebliebenen Alufolie meine Silberschiffchen falten. Nicht schwer. Aus einem Rechteck die Mitte kniffen und so übereinander legen, dass ein Rand darunter entsteht, den man umschlagen muss und mit dem Fingernagel der glänzenden Alufolie einen scharfen Abriss geben, damit es beim Auseinanderfalten und erneutem Umschlagen ein Segelschiff ergibt.

   Ich habe auch damals für sie Silberschiffchen gefaltet.

   Jetzt freue ich mich ganz besonders, wenn sie auf dem Teich in meinem Garten im Vollmond schwimmen und das schimmernde Licht  reflektieren. Dann ist es wie winziges Silbergefunkel auf dunklem Wasser und die Wellen darauf glänzen hinauf bis zum Mond.

   Jetzt bin ich Kapitän und kann Seeschlachten schlagen und ein infernalischer Geschützdonner dringt über den mondbeglänzten Teich und meine Silberschiffe schaukeln in der schweren See und Rauch liegt wie weißer Nebel über dem Wasser.

   Das Wasser wird rot.

   Der Mond wird rot.

   Warum wird der Mond rot?

   Vielleicht sind es rosafarbene Schlieren auf der Oberfläche, die sich im Himmelslicht spiegeln. Vielleicht ist es auch nur ein zittriger Atem, als hätte man einen blutroten Milchrahm angehaucht, der sich vor Erschrecken zusammen zieht. Faltige Oberfläche. Dunkles Ahnen darunter.

   Spielt sie mit mir?

   Knisternde Risse auf dem Wasser.

   Vielleicht sind es ertrunkene Libellen mit ihrem letzten, verzweifelten Flügelschlagen. Ich schaue in das mondene Spiegellicht des Teiches.

   Lange, ganz lange stehe ich und schaue.

   Das Wellenschlagen hat aufgehört und die Oberfläche ist stumm.  

   Wir hatten schon als Kinder unsere Schiffchen aus Zeitungspapier gefaltet und im Regen am Bordsteinrand entlang schwimmen lassen und gespannt gewartet, welches zuerst im Gully verschwunden war. Ihr Schiffchen hatte meistens gewonnen. Sie hatte mich später im warmen Regenwasser zuerst geküsst.

   Kinderküsse.

   Regenküsse im warmen Bordsteinwasser.

   Damals war sie noch da.

   Eine kleine Welle im mondbeglänzten Teich bringt meine Silberschiffchen zum Schaukeln und meine gesamte Schlachtordnung durcheinander. Die Wellenringe gehen wie feine Silberreifen bis an das schwarze Schilf, kommen zurück und deren gebogener Rücken ist wie der schmale Abglanz des runden Vollmondes.

   Der Mond ist nicht richtig rund.

   Der Mond ist rot.

   Ich liebe Segelschiffe, die bis zum Mond fahren können auf silbernen Straßen aus Sternenstaub und sich in der Weite verlieren mit aufgespannten Segeln und schimmernden Unendlichkeiten.

   Ich stehe hier und schaue auf den stummen Teich.

   Das Wasser ist an der Oberfläche schwarz, ein paar kleine Wellen springen plötzlich wie winzige Silberfische empor und tanzen einen wundersamen Reigen. Mondlichter spiegeln sich darin und zeichnen seltsame Schlieren: schwarz und silbern und rot. Wie ein Gesicht. Schön und bleich. Mit einem rosa Hauch auf den Wangen.

   Damals war sie noch da. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kinderkerze

 

   Das Leben ist nicht unbedingt das Machbare. Das Leben ist auch das Mögliche. Wobei mich das Mögliche unglaublich freut. Was könnte man damit alles anstellen.

   Aber so zittere ich mit meinem Flackern an dem kurzen Docht vor mich hin und habe Angst vor dem Sterben. Ohne mich wird es dunkel, graue Schatten gehen an einem grauen Nachmittag wie Gespenster durch die Stuben und die Menschen laufen mit hängenden Schultern herum.

   Dabei war ich noch vor vielen Jahren das Highlight auf dem Weihnachtsbaum. Jahrzehntelang in meinem Dasein haben mich glänzende Kinderaugen betrachtet und ich habe mich mit meinem hellen Leuchten in ihnen und ihren Erwartungen wieder gefunden. Das waren noch Zeiten bevor die elektrischen Kerzen kamen.

   Einmal solch einen langsam vor sich hin trocknenden Weihnachtsbaum in Brand zu setzten. Das wäre doch mal was. Sich einfach mit meiner unersättlichen Gier nach Trockenem zu vermehren und meine flammenden Brüder und Schwestern mit ihrem grellroten Lodern lustvoll empor steigen zu sehen und nach den Vorhängen zu greifen und das gesamte Wohnzimmer in krachenden Brand zu setzen und die Sirenen der Feuerwehr zu hören und das einstürzende Gebälk, die Angstschreie der Menschen, das vor meiner Macht verzischende Wasser und dann nur noch vor aufgebrauchter Energie, wie nach einem endlosen Flammenorgasmus, ermüdend vor sich hin schwelen. Vielleicht nur ein paar rotglühende, verdeckte Brände unter halb verkohlten Balken übrig lassen.

   Meine Träume.

   Aber jetzt bin ich an einen kleinen Docht gebunden. An einen kleinen, schwarzen, stummeligen, nichts sagenden Docht. Und dazu noch an eine Kerze mit wenig Wachs.

   Ich habe Angst vor dem Sterben, vor dem immerwährenden nicht mehr anzündbaren Dunkel. Was wären die Menschen ohne mich. Was ohne meine flammende Wärme und was ohne ihr gebratenes Fleisch, das sie sich in eiskalten Höhlen zubereiten konnten. Ich bin ihr Ziel. Ich bin ihr alles. Ich bin das was sie sind und was aus ihnen geworden ist.

   Ohne mich gäbe es nur noch schmierige Höhlenmalereien und langsam vor sich hin verrottende Knochen. Kein Archäologe hätte mich jemals entdeckt und die Brandspuren meiner Asche in einer längst vergangenen Feuerstelle mit einem grandiosen Freudenschrei auferweckt. Nur um damit zu dokumentieren, dass ich schon ewig bin und dass mein Feuer mit einem einzigen Blitzschlag vom Himmel gefallen ist.

   Prometheus ist auch nicht das Maß der Dinge.

   Feuer ist ein profanes, irdisches Element und nicht göttlich. Ich brenne jedenfalls dafür. Ich bin an die Erde geknebelt. Das macht mir zwar nichts aus, denn ich würde am liebsten das gesamte Universum in Brand setzen, so wie es einmal war. Da gab es nur Kreide und Feuer. Das war mein Element. Durch lodernde Gasstaubwolken hindurch zu huschen und die nächste Galaxie anzuzünden und sich an den orangefarbenen Explosionen zu erfreuen und hinausgeschleudert zu werden und einen strahlenden Feuerschweif hinter mir herziehen und mich mit irrsinnigem Kreischen auf den nächsten kosmischen Brand freuen.  

   Wenn ich nur nicht an einen kleinen, schwarzen Docht gebunden wäre. An diesen elenden Stummel. Was bildet er sich ein mich mit seinem kümmerlichen Dasein an sich zu fesseln.

  Die Menschen haben mich gezähmt und gefesselt. Ich darf nicht einmal ein winziges AKW in die Luft fliegen lassen. Bis auf eins im Osten der Erde. Mit der Kernschmelze habe ich nichts besonderes am Hut, außer dass es ordentlich heiß wird, aber das durchgebrannte Kraftwerk hat mir schon gefallen und der Aufschrei all der Menschen. Was ist schon die winzigkleine Erde und ein paar Millionen gestorbener Menschen. Viel weniger als der Funke eines Streichholzes, der mich zum Leben erwecken kann. Ich spüre immer noch den Schwefelgeruch in mir. Scheußlich.

   Einmal hat mich vor einiger Zeit mitten in einem schneereichen Winter ein kleines, armes Kind mit einem dünnen Röckchen verkaufen wollen und ich lag mit meinen unangezündeten Nichten und Neffen in einer Schachtel und wir haben auf das Anzünden gewartet, um endlich hell zu leuchten. Das hat mich sehr berührt und wir waren alle furchtbar ergriffen, weil uns keiner kaufen wollte. Aber dann hatte das Mädchen uns aus der Schachtel mit seinen kalten Händen gegriffen und eins nach dem anderen an der rauen Schmalseite der Schachtel angerieben und wir haben Feuertränen gesprüht und uns in unserem besten Funkenlicht gezeigt.

   Dann konnte das Mädchen viele Schachteln von uns verkaufen und wir übrig Gebliebenen mussten aufpassen, dass wir uns vor lauter Tränen in unserem innersten Kern nicht aufweichten.

   Ein einsamer, verspäteter Familienvater, der mit dicken Profilsohlen durch den Schnee stapfte, hat mich und meine Nichten und Neffen dann doch gekauft. Vielleicht war er ein bisschen spät dran und hatte keine Streichhölzer, um die Kerzen auf dem Weihnachtsbaum anzuzünden. Das Mädchen in dem dünnen Kleid hat sich jedenfalls gefreut und uns in unserer Schachtel mit einem glücklichen Seufzer hergegeben.

   Das hatte mir furchtbar gut gefallen, denn in meinem feurigen Inneren bin ich ein überaus emotionales Wesen.

   Aber jetzt bin ich an den bescheuerten Docht fest angebunden. Er sagt nichts und tut nichts und ist einfach nur da.

   Während ich so vor mich hin flackere gucke ich auf die Reste der Wachskerze und habe Angst. Meine Bestimmung ist gewiss nicht, die überbordende Menschheit mit meiner Gluthitze am Leben zu erhalten. Nur weil sie ihre Reissuppe auf mir kochen und gefräßig sind.

   Ich stehe in einem kleinen Kinderzimmer mit geblümten Vorhängen und einem Babyphon. Das Kleinkind ist mit meinem beruhigenden Leuchten eingeschlafen. Ich kann sehr gut und sehr beruhigend leuchten. Vielleicht träumt es von kommenden Pfadfinderfeuern, wobei mir am liebsten ein Sternfeuer wäre, und wie man Würstchen mit einem Stock aufgespießt auf meinen Flammen röstet und sich mit schnarrenden Gitarrenklängen darüber amüsiert, nur weil ein schwarz gebranntes Würstchen in meine Flammen gefallen ist.

   Ich liebe verkohlte Würstchen in mir.

   Das Babyphon rauscht leise vor sich hin. Neben mir steht eine Puppenstube mit winzigkleinen Kochtöpfen und einem handtellergroßen Herd, der elektrisch betrieben werden kann. Das Mädchen in seinem Kinderbett ist absolut geräuschlos und hat noch keinen Schlafatem. Ich rieche auch das Geruchlose. Als Feuer ist man äußerst sensibel für geruchlose Gerüche.

   Als Feuer hat man immer den strengen Brandgeruch in sich. Und man sehnt sich nach Geruchlosigkeit und nicht nach verbranntem Fleisch. Egal ob Tier oder Mensch.

   Der kurze Stummeldocht nervt mich und während ich jetzt doch ein wenig ängstlich flackere sehne ich mich nach Größerem.

   Die Menschen haben mich an diesen Docht gebannt und ganz klein gemacht.

   Ich beuge mich mit dem unteren Rand meiner Flamme zu dem noch übrig geblieben Kerzenwachs und sehe, wie er so langsam über den Kindertisch ausläuft und vergnügungssüchtige Schlieren bildet. Wachs ist einer meiner Nahrungen außer grell verspritzendem Fett unter einer vollgesogenen Dunstabzugshaube in der Küche, die ich mit einem einzigen aufflammenden Inferno durch eine überhitzte Bratpfanne in Brand setzen kann.

   Wie oft habe ich mich darüber amüsiert, als die mit viel Geschrei herbei eilenden Leute versucht haben, mich mit Wasser zu löschen. Auch das ist in Zusammenhang mit heißem Fett Nahrung für mich. Ich liebe Wasser und brennendes Öl. Und dann mit einem schrillen Juchzer in die mit altem Fett vollgesogene Dunstabzugshaube fahren. 

   Die Menschen halten mich mit ihren dilettantischen Löschversuchen  unbeabsichtigt am Leben. Dafür bin ich ihnen zeitweilig richtig dankbar.  

   Aber jetzt wird mir die Luft zu eng und ich muss husten. Mein heißer Atem  streift über das langsam ausfließende Kerzenwachs und ich freue mich einerseits und andererseits bin ich mehr als besorgt.

   Ich will nicht sterben.

   Ich will nicht an einem winzig schwarzen Dochtstummel zu Grunde gehen. An meinem linken Flackern rieche ich das heiße Wachs und die hölzerne Puppenstube. Während ich mich mit meinen letzten Flammen  dahin beuge habe ich Hoffnung.

   Hoffnung auf kommend Feuriges.

  

  

  

  

  

  

  

 

  

 

  

 

 

 

 

 

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© Gerhard Roth