Leseprobe 

 

 

Das empfindsame Wilhelmsbad

 

 

 

 

Teil 1

 

Malerisches Wilhelmsbad

 

 

Anton Wilhelm Tischbein war in höchstem Maße unzufrieden.

Natürlich hatte er Grafen und Herzöge porträtiert, hatte deren Ehefrauen und Mätressen in Öl auf die Leinwand gebannt, die Frankfurter Senckenbergfamilie abgebildet, war mittlerweile ein Meister des feinen Strichs, bekannt bis in die höchsten Adelskreise Deutschlands, anerkannt und geachtet von Künstlerkollegen, er war zum zweiten Mal verheiratet mit Maria Barbara Fischbach, der zweiten Tochter des hessisch-hanauischen Jagdschreibers, hatte einen vierjährigen Sohn, Heinrich Wilhelm, ein geräumiges Haus in der Nähe des Wilhelmsbades, das ihm der Erbprinz Wilhelm großzügigerweise überlassen hatte, er besaß eigentlich alles, was sich ein Mann in seinem Alter von fast fünfzig Jahren nur wünschen konnte – wenn da nicht diese Unzufriedenheit in ihm gewesen wäre. Dieses leise, andauernde Nagen in seinem Inneren.

 

Er fasste sich an die Brust, wie um ein lästiges Insekt hinweg zu scheuchen. Das störende Nagen blieb. Er nahm den Dreispitz vom Kopf, legte ihn neben sich auf die Steinbank und kratzte sich den Schädel mit den spärlichen Härchen. Es änderte sich nichts. Das Unbehagen blieb.

Da besaß er nun alles, was er wollte, was er sich sehnlichst gewünscht und erhofft hatte. Das Leben war ihm gelungen. Er hatte bei seinem fünfzehn Jahre älteren Bruder Johann Valentin, der Hofmaler und Akademiedirektor in Kassel war, das Malerhandwerk aufs Allerfeinste und Genaueste gelernt, wurde vom Erbprinzen Wilhelm IX. in Hanau nicht nur als Lehrer in die Zeichenakademie berufen, sondern er bekleidete das Amt des hochfürstlichen hessisch-hanauischen Hofmalers, bewegte sich in den geachtetsten Kreisen – und doch.

Anton Wilhelm seufzte. Sein Blick glitt wie suchend die lange Lindenallee mit den hohen, schlanken Bäumen entlang, blieb für einen Moment an dem Kurhaus mit seinen weißen Säulen hängen, ging weiter zu dem Brunnentempel und verlor sich irgendwo weiter hinten im Mattgrün der Wiese.

Auf der Kurpromenade war niemand zu sehen. Für die Badegäste war es noch zu früh. Die feinen Dämchen brauchten sicherlich eine Ewigkeit, bis sie mithilfe ihrer Zofen ihre Korsetts und sämtliche Unter- und Oberbekleidung angezogen, die Perücken gepudert, die Gesäßpartien aufgepolstert und die unterschiedlichsten Hüte aufprobiert hatten und schließlich ausgehfertig mit den Sonnenschirmchen wedelten. Der Erbprinz hatte zwar dem gemeinen Volk erlaubt, sich zu den höheren Rängen hinzuzugesellen und in seinem Park verlustieren zu dürfen, zwar gesittet und mit aller Contenance, aber selbst für die Schreiner und Werkzeugmacher und Kutscher war es noch nicht die rechte Zeit. Lediglich zwei Gärtner, ein älterer namens Leopold und sein Lehrjunge, hantierten geschäftig auf der Pfaueninsel und pflanzten Wasserlilien.

Da ging plötzlich ein Lächeln über Tischbeins noch jugendliches Gesicht. Mit einem Ruck stand er auf, als sei ihm etwas eingefallen, er griff seinen Spazierstock mit dem silbernen Knauf, eilte mit schnellen Schritten auf der  Kurpromenade an den Sandsteinbänken vorbei, kehrte zurück, nahm den Dreispitz, den er auf der Steinbank liegen gelassen hatte und hastete die Kurpromenade entlang. Gerade wollte er den Weg zu dem Pavillon auf der kleinen Anhöhe überqueren, da stieß er mit einer Personengruppe, bestehend aus drei Damen und einem jungen Herrn zusammen. Tischbein griff sich an den Kopf, um seinen Dreispitz zur Entschuldigung zu lüften, als er merkte, dass er seinen Hut noch immer in der Hand hielt, murmelte etwas, das nach einem Gruß klang, wollte etwas sagen, verhaspelte sich in den Worten, hörte hinter sich das girrende Gelächter der Damen und das helle, fast ein wenig spöttische Lachen des jungen Mannes und eilte, ohne nach links und nach rechts zu sehen, auf direktem Weg in sein Haus an der Wilhelmsbader Landstraße.

Mit großen Schritten stürmte er die Holztreppe zu seinem Atelier empor, warf vor seiner Staffelei mit dem unfertigen Bild Gehrock und Dreispitz zu Boden, krempelte die Ärmel hoch, ergriff seinen Lieblingspinsel, rührte auf der Palette Farben an, wobei etwas Blau und Gelb auf den Tisch kleckerte und fing an zu malen.

 

Menschen!

 

Nun wusste er, was auf seinem Bild fehlte. Menschen, richtige, lebendige Menschen!

Keine leblos erstarrten Porträts irgendwelcher nichtssagender Adelsgesichter, die er jahrelang als Auftragsarbeit gemalt hatte. Keine Dekolletéansichten verfetteter Mätressen. Keine einfältigen Gesichter irgendwelcher Provinzpotentaten in Herrscherrüstungen und den lächerlichen Machtinsignien. Keine Dämchen aus der feinen Gesellschaft, die vor lauter gelangweilter Vornehmheit stumpf vor sich hin guckten, ausdruckslos wie dumpf muhende Kühe.

Nein, Menschen wollte er malen. Leute, Lebewesen, die auf der Kurpromenade hin und her gingen, die sprachen, lachten, lebten, sich den neusten Klatsch erzählten, Intrigen spannen, sich unter vorgehaltener Hand Witze über die Mätressen des Erbprinzen erzählten, das alles wollte er malen.

Anton Wilhelm hob den Pinsel und besah sich noch einmal sein Bild, das der Erbprinz bei ihm in Auftrag gegeben hatte.

Da war das Kurhaus mit seinen weißen Säulen, die Spielbank, die Badeanstalt, die Flucht der geraden Linden, der Hügel neben dem zierlichen Brunnentempel mit dem Guten Brunnen und die Sandsteinbänke neben den Bäumen, die in den Himmel zu ragen schienen. Das alles wollte er mit einer vollkommenen Heiterkeit und geschäftigen Lebendigkeit versehen, die sein Werk erst zu einem unvergesslichen Kunstwerk werden lassen sollte.

Heiterkeit? Lebendigkeit? Natürlich, die drei Damen und der junge Herr von heute Morgen. Sie hatten geschwatzt und gelacht, sich vielleicht über ihn amüsiert, als er überhastet  beinahe mit ihnen zusammengestoßen war und sich dann eiligst, ein paar Worte stammelnd, entfernt hatte, ja beinahe gerannt war.

Das war es. Diese Gruppe wollte er malen.

Und Anton Wilhelm Tischbein malte ohne Unterlass. Er vergaß Essen und Trinken, tauchte immer wieder den Pinsel in die Palette, rührte immer wieder neue Farben an, kräftige Farben, zarte Farben, mal leuchtend, mal dezent, trat gelegentlich ein, zwei Schritte von der Staffelei zurück, kniff die Augen zusammen, um den Fortgang seines Werkes zu prüfen, raunzte seinen Diener Jacob an, der am späten Nachmittag nach viermaligem Anklopfen vorsichtig in das Atelier trat, um sich nach dem Befinden seines Herrn zu erkundigen, klemmte sich einen Borstenpinsel zwischen die Zähne, um beim Wechsel mit dem feineren Dachshaarpinsel keine Zeit zu verlieren und ließ sich erst erschöpft aber zufrieden in den Sessel mit dem abgeschabten roten Samtbezug fallen, als das Tageslicht für einen zarten und feinen Farbauftrag nicht mehr ausreichte.

Das Licht in seinem Atelier wurde langsam blasser, die Farben immer fahler und über Anton Wilhelms Staffelei legte sich Dämmer wie ein graues, weiches Tuch und das Zimmer dunkelte ein.

Tischbein träumte.

Er träumte von Menschen auf seinem Bild, von lebendigen Menschen und er sank tiefer und tiefer in die Unendlichkeit seines Traumes hinab und dort, am Ende der Wirklichkeit, hörte er Stimmen, zuerst leise, flüsternd, kaum wahrnehmbar und dann das Geräusch einer sich nähernden Kutsche. Der Kutscher schien etwas zu rufen und das Gespann kam zum Stehen. Ganz deutlich hörte es Tischbein, und in allen Einzelheiten sah er die Personen, so nah und so deutlich, als wäre er wach und könnte alles aus nächster Nähe erleben. Im Schlaf streckte er seine Hand aus, um der Dame beim Ausstieg aus der Kutsche behilflich zu sein.

  

 Eine junge, dunkelhaarige Dame, in herrliches Rosa gekleidet,  stieg aus der Kutsche und legte ihre schützende, bei näherem Hinsehen jedoch strenge Hand fest auf die Schulter eines zehnjährigen Jungen, der zusammen mit ihr die Kutsche verlassen hatte. Beide gingen eiligen Schrittes in Richtung der Parkanlage.

Die anderen Kutschenpassagiere, zwei Damen, blieben im Gespann sitzen und blickten den beiden nach. Die Schritte der Frau und des Jungen wurden schneller, und es war offensichtlich, dass sie auf ihrem Weg in den stillen Park, abseits des Hauptweges, mit niemandem auch nur ein Wort wechseln wollten. Ohne Zuhörer. Es sollte ein klärendes Gespräch werden. Zwischen Mutter und Sohn.

Der Junge, Johann, der schon in der Vergangenheit mehrfach, ohne auch nur die kleinste Vorankündigung für einige Stunden verschwunden war, verzögerte den Schritt. Er fühlte, wie ihn die Mutter von der Seite ansah und er konnte sich denken, was sie von ihm wissen wollte.

Dem gestrengen Herrn Vater konnte er unmöglich sein Herz ausschütten, wenn dieser wortkarg an seinem Klavier saß und jeden mürrisch zurechtwies, wenn er gestört wurde. Nicht einmal seine Musikschüler durften ihn ungefragt ansprechen.

Die Mutter Catharina war eine junge, hübsche Frau von achtundzwanzig Jahren und liebte ihren Sohn Johann über alles. Ihren Ehemann Heinrich, ein in Musikerkreisen überaus geschätzter Pianist, lernte sie anlässlich einer Einladung ihrer Tante Louise kennen, selbst eine recht passable Klavierspielerin.

Am Beginn ihrer Ehe achtete und verehrte Catharina ihren Mann sehr, und sie bildete sich ein, ihn irgendwann einmal lieben zu können. Aber als er anfing, ihr mit immer barscheren Worten das Klavierspielen beibringen zu wollen, erkannte sie, dass ihr die Musik unter diesen Umständen keine Freude bereiten würde. So wandte sie sich von ihm ab und ihre ganze Liebe galt ihrem Sohn.

Johann erhielt, wie in diesen Zeiten üblich, eine sehr strenge Erziehung. Und als er eines Tages heimlich auf dem Klavier spielte und ihn der Vater dabei überraschte, herrschte der ihn lautstark an und verbot ihm das Musizieren mit dem Befehl, nie mehr die Tasten anrühren zu dürfen. Er, Johann, solle etwas Anderes aus seinem Leben machen. Und er, der Vater, würde schon zu gegebener Zeit dafür sorgen. Er sei mit einigen Offizieren befreundet, die ihm den Weg einer Militärlaufbahn aufzeigen würden. Und beim Militär müsse man schließlich genauso viel Disziplin erlernen wie beim Klavierspielen. Er selbst habe das erfahren.

Johann konnte auf keinen Fall seinem Vater, nicht einmal seiner Mutter erzählen, dass er stundenweise das Elternhaus heimlich verlassen und sich mit einem jungen Pianisten namens Clément getroffen hatte. Der war vor den beginnenden französischen Unruhen nach Deutschland geflohen und hatte sich in Hanau niedergelassen, um dort die Umkehrung der Harmonien des Jean-Philipp Rameau bekannt zu machen. Und dieser Clément hatte den Jungen kennengelernt und fand in dem zehnjährigen Johann einen begeisterten Schüler dieses neuen, empfindsamen Klavierspiels.

Daran dachte Johann, als er mit seiner Mutter den Weg der Parkpromenade entlang ging und daran, wie sehr ihn das Klavierspielen faszinierte, welche Anziehungskraft von diesem Instrument ausging. Und mehr noch, wie er heimlich in seinem Zimmer auf einem Stück Leinwand versucht hatte zu malen und wie überrascht er war, dass ihm dies so leicht und graziös von der Hand gegangen war.

Gar zu gerne hätte er beides gelernt. Malen und musizieren. Ein musizierender Maler. Das wäre etwas! Und wie oft lag er lange wach und dachte sich in seinen Wachtraum hinein, dass ihm die Kunstwelt zu Füßen liegen und alle Menschen ihm zujubeln würden.

All diese Träume waren in ihm, als er neben seiner Mutter ging und nicht wusste, ob er ihr davon erzählen durfte.

Tischbein erwachte mit einem dumpfen Geschmack im Mund. Er tastete im Halbdunkel nach seinen Pfefferminzbonbons, die er immer in seiner Westentasche direkt neben seiner Taschenuhr mit der silbernen Kette hatte. Er mochte es nicht, wenn er Leuten gegenüber stand und sprach und er selbst seinen üblen Atem nach reichlich fettem Essen roch. Wie oft hatte er sich vorgenommen, endlich zu einem Zahnarzt zu gehen. Der Badearzt Doktor Müller hatte ihm einen vertrauenswürdigen Dentisten  empfohlen. Tischbein seufzte. Ach ja, so langsam machte sich bei ihm das zunehmende Alter bemerkbar.

Er fuhr sich über die Stirn, stand auf und ging zum Spiegel, den er immer sorgfältig reinigte, als hoffte er, dass das Glas etwas von seiner glatten Oberfläche auf sein eigenes Gesicht mit den beginnenden Falten übertragen würde. Missmutig betrachtete er sich und sein zerknittertes Schlafgesicht, strich sich mit einer fahrigen Geste die dünnen, vom Schlaf verklebten Haarsträhnchen glatt und hauchte mit zwei drei kräftigen Atemstößen sein Spiegelbild an, bis es im weißen Hauch verschwand.

Tischbein schüttelte den Kopf und bleckte die Zähne, wobei er es tunlichst vermied, seine hintere obere Zahnlücke zu zeigen. Sein Atem roch wirklich unangenehm nach Schlaf und ungeputzten Zähnen. Er nestelte in seiner Westentasche und schob sich ein Bonbon in den Mund. Dann stand er auf und dehnte seine von der ungewohnten Schlafhaltung steif gewordenen Glieder. Ein merkwürdiger Traum. Voller Andeutungen, voller unklarer Handlungen und ungeklärter Fragen. Gar zu gerne hätte er den Traum zu Ende geträumt, um zu erfahren, wie es mit der jungen Frau und ihrem Sohn weiterging.

Er dachte an seinen verstorbenen Sohn Johann Friedrich Karl, der im zarten Alter von einem Jahr und acht Monaten von ihm gegangen war. Fast auf den Tag genau, ein Jahr später, starb auch seine geliebte Frau Christiane Louise Henriette. Tischbein versuchte sich vorzustellen, was aus dem Jungen wohl geworden wäre. Ob er auch das künstlerische Talent seines Vaters geerbt hätte? Ob er sich der beginnenden Romantik verschrieben hätte? Und ob er wie der junge Goethe im Winter auf dem Eis Schlittschuhe gelaufen wäre? Oder hätte er mit den Bildern eines Caspar David Friedrich konkurriert? Die Zeit war reif für Neues!

Anton Wilhelm seufzte wieder und wieder. Ihm fiel auf, dass er in letzter Zeit öfter seufzte. Er schalt sich einen sentimentalen Narren, trat entschlossen  einen Schritt nach vorne und öffnete das Atelierfenster. Die frische, kühle Morgenluft strömte wie ein Sturzbach in sein vom Schlaf dumpf gewordenes Atelier. Mit schnellen Griffen knöpfte er die Weste auf, warf sie mit einem Ruck hinter sich, krempelte die Ärmel seines nicht mehr ganz frischen Hemdes hoch, lehnte sich weit aus dem Fenster im ersten Stock und sog die noch von der Nacht feuchte Frühlingsluft tief ein. Und stieß sie hörbar wieder aus. Zwei-, drei-, viermal. So tief und so kräftig er konnte. Von hier aus hatte er einen wunderbaren Blick über die langgestreckte Wiese und dort hinten konnte er,  vom Frühnebel umflossen, zwischen Buchen und Eichen halb verdeckt, den Burgturm des Erbprinzen sehen. Die Morgensonne sandte ihre Strahlen wie Speere durch den Nebel und ließ die Tautropfen auf der Wiese wie Diamanten und Goldpünktchen blinken.

Tischbein lehnte sich so weit er konnte aus dem Fenster, jauchzte plötzlich und fing aus voller Kehle an zu singen, ein Lied von einem gewissen Claudius. Und Anton Wilhelm fand sich verrückt, dass er vom aufgehenden Mond sang und dabei die Morgensonne betrachtete.

Voller Übermut machte er ein paar turnerische Dehnübungen am Fenster und fand, dass es eine Lust war zu leben.

Ja, nun konnte er malen. Mit frischem Mut und Elan. Er zog an der Glockenquaste neben der Ateliertür und der Diener Jacob trat ein und knöpfte sich dabei die Jacke zu.

„Schnell, beeil Er sich, bring Er mir geschwind das Frühstück. Nun, Er wisse schon!“

Und als der Diener, ohne ein Wort zu sagen und ohne eine Miene zu verziehen, sich umdrehte, rief ihn Tischbein mitten in der Bewegung zurück: „Ach was, kein Frühstück, kein Speck, kein Ei – nein, einen Champagner! Mir ist nach Champagner! Und damit Er es nicht vergesse, Kerl, eine ganze Flasche Champagner!“

Jacob der Diener war zwar an so manch ungewöhnlichen Befehl seines Herrn gewöhnt, immerhin war der ein geachteter Künstler und in Diensten des Erbprinzen Wilhelm, und da hatte man eben hie und da eigenartige und nicht immer nachvollziehbare Wünsche. Aber  eine ganze Flasche Champagner! Und dazu noch am frühen Morgen!

Jacob hoffte, dass es die gnädige Frau Tischbein nicht erfahren würde. Jetzt war er es, der seufzte.

Tischbein achtete nicht auf ihn und war schon mit zwei Schritten vor seiner Staffelei. In aller Eile rührte er die Farben auf seiner Palette zurecht, mischte ein wenig Rosa mit Weiß und einem Tupfer Gelb, bis ein passendes Hellrosa Gnade vor seinen strengen Augen fand.

Er beschloss, als erstes seinen Traum zu malen. Genau diesen Traum mit den gleichen Personen und der blaugrünen zweispännigen Kutsche mit dem Diener auf dem Bock und dem jungen Mann, der so elegant der Dame in Rosa beim Ausstieg half. Genau das sollte es sein.

Anton Wilhelm malte wie besessen. Vergessen waren all die langweiligen Porträts. Das Leben wollte er darstellen, das feine Leben. Nichts anderes. Es klopfte mehrmals an der Tür. Er hörte es nicht. Der Diener Jacob trat ein. Tischbein merkte es nicht. Der Diener stellte eine dickbauchige Flasche Champagner und ein Glas auf den kleinen, runden Beistelltisch. Tischbein hatte kein Auge dafür. Dann hüstelte Jacob der Diener, Anton Wilhelm murmelte etwas Undefinierbares und hatte den Diener samst Champagner im gleichen Augenblick vergessen.

Und er malte bis zum Mittag. Tischbein trank ein Glas abgestandenes Wasser aus der Karaffe von gestern. Und er wollte gerade bis zur Dämmerung weitermalen, da fiel ihm die Begegnung von gestern Morgen ein. Diese lebendige, quirlige Gruppe mit den drei schwatzenden Damen und dem jungen Herrn, die so heiter und fröhlich und direkt waren in ihrem Lachen und Benehmen.

Flugs rührte er, ohne lange zu überlegen, krapplackrot an und feines Blau und chinaseidengelb und ein wenig Beige und malte und schraffierte und skizzierte und verfeinerte und strich und tupfte. Und als die Dämmerung in sein Atelier schlich und er die Farben nicht mehr auseinander halten konnte, warf er den Pinsel mit einem Schwung auf den Tisch, dass er bunte Schlieren hinterließ, riss die Arme hoch und rief aus voller Brust: „Heureka! Das ist es!“

Er ging zwei, drei Schritte zurück und wollte gerade sein Atelier verlassen, da sah er die Champagnerflasche auf dem Tisch stehen. Er, der ganz selten etwas trank und wenn, dann höchstens bei fürstlichen Empfängen, nahm die Flasche, schenkte sich das Glas voll und stürzte es in einem Zug hinunter. Das Zeug war abgestanden und zimmerwarm. Aber es schmeckte köstlich. Er nahm noch ein Glas und noch eins und schneller noch, als wenn er Firnis über ein Bild sprühen konnte, war die Flasche leer.

Anton Wilhelm fing an zu schwitzen und zu lachen und wollte sich die Weste ausziehen, bis er sie vor der Staffelei auf dem Boden liegen sah und lachte noch viel mehr, stolperte über den Sessel, in den er lachend fiel und umgehend einschlief.

Das Erwachen war geradezu grausam und fühlte sich so schmerzhaft an, als wäre sein Kopf ein Mörser und jemand hätte darin ein ganzes Pfund Farbpigmente zerstoßen. Außerdem fuhr irgendetwas in seinem Magen Karussell, genau wie dieses Karussell in Wilhelmsbad auf der kleinen Anhöhe.

Tischbein wollte sterben.

Er dachte kurz daran, dass er noch kein Testament gemacht hatte. Aber dann war es ihm schlichtweg egal. Alles war ihm egal. Wenn nur dieses penetrante Kratzen und Wummern in seinem Schädel und das Karussellfahren in seinem Magen nicht gewesen wäre.

Unter Aufbietung all seiner noch verbliebenen Kräfte und Koordinationsfähigkeiten gelang es ihm, sich vom Sessel hochzuziehen und nach der Karaffe mit dem abgestandenen Wasser zu greifen. Es schmeckte noch dumpfer als gestern und sogar ein wenig bitter.

Es dauerte eine sehr lange Zeit bis er sich aufraffen und zu seiner Staffelei gehen konnte. Der Weg dorthin erschien ihm endlos, als wäre er in den Katakomben unter dem Karussell zur ewigen Fronarbeit verdammt und müsste für den Rest seines Lebens im Kreise laufen.

Dann stand er endlich vor seinem Bild.

Er blinzelte einmal, zweimal, drei-, viermal. Kniff sich in den Arm.

Anton Wilhelm Tischbeins Blick glitt suchend über sein eigenes Bild. Etwas stimmte nicht mehr. Etwas hatte sich verändert. Er stellte seine Augen auf Unendlich und schien sich förmlich in das Bild hineinzusaugen. Seine Augen waren wie die seherische Verlängerung des Pinsels, mit dem er gestern noch hier ein Kleid, da einen Spazierstock mit feinen Strichen nachgezeichnet hatte.  Vergebens. So sehr er sich auch anstrengte, es gelang ihm nicht, die Veränderung zu erfassen. Er konzentrierte sich, bis seine Knöchel an seiner Hand, die die Staffelei umklammerten, weiß hervortraten und schmerzten.

Dann trat er ein paar Schritte zurück, ging bis ganz nahe an sein Gemälde heran, trat wieder zurück, zog die Augenbrauen zusammen und knurrte unzufrieden. Das Bild erschien ihm im Gegensatz zu gestern jetzt leblos, farblos, freudlos. Als hätte jemand alles Lebendige aus dem Bild herausgezogen, als hätte jemand die Farben wie mit einer grauen Schicht überzogen.

Vom Alkoholdunst konnte es nicht kommen. So viel verstand er von der Chemie und der Physik. Er eilte zum Fenster und wollte es aufreißen, das Scharnier klemmte, Tischbein zog mit Gewalt an dem Fensterknauf, der rechte Flügel sprang auf, knallte gegen die Wand und eine der vier Fensterscheiben ging zu Bruch.

Tischbein achtete nicht darauf.

Es war ihm, als wäre der Frühnebel durch das Fenster gedrungen und hätte sein Bild grau und farblos und blind gemacht.

War jemand in der Nacht, als er betäubt und berauscht in seinem Sessel lag, unbemerkt in sein Atelier eingedrungen und hatte sich heimlich an seinem Werk zu schaffen gemacht und etwas verändert? Doch wozu? Sollte etwas vertuscht werden?

Anton Wilhelm fasste sich, gab sich zur Ermunterung selbst ein paar Ohrfeigen und spürte, wie Unmut in ihm aufstieg. Genauso sacht aber unaufhaltsam wie der Frühnebel aus den Wiesen.

Anton Wilhelms Unmut wuchs sich zu einem richtigen, prächtigen, handfesten Zorn aus. Am liebsten hätte er sein Gemälde zerrissen, zerschlagen, in wilder Wut zerstört.

Er rief seinen Diener, an dem er wie so oft seinen kleinen Unmut und manchmal auch seinen großen Zorn ausließ, wenn ihm etwas nicht nach seinen Vorstellungen gelang. „Kerl, schockschwerenot, ob Er wisse, dass jemand Fremdes in meinem Atelier gewesen sei? Er solle mir gewisslich und wahrhaftig Rede und Antwort stehen!“

Jacob der Diener knöpfte sich im Laufen noch geschwind die Weste zu, als hätte er etwas darunter versteckt und beeilte sich, seinem Herrn und Meister alles getreulich zu berichten von dem er meinte, dass es berichtenswert sei.

Er stammelte mit gespielter Unsicherheit in seiner Wortwahl etwas von „offenem Fenster“ und „Durchzug“ und dass er nicht abkömmlich gewesen sei, denn er habe für den Herrn und Meister in der Küche das Mahl zubereiten müssen. Zumal die Kaltmamsell Frieda ausgefallen sei und die Küchenmagd zu einfältig für solche verantwortungsvollen Aufgaben sei und außerdem…

„Hundsfott, elendiger!“

Anton Wilhelm schwoll die Zornesader an der Stirn.  „Was bilde Er sich denn ein, vielleicht dass ich ihn zum Plaisir habe einstellen lassen, wenn Er so grob seine ihm aufgetragenen Pflichten ernachlässige! Und dazu gehöre in erster Linie die Bewachung und Reinigung des Ateliers!“

Jacob machte ein schuldbewusstes Gesicht, hielt die linke Hand hinter seinem Rücken, wie es alle Diener in dieser servilen Haltung machen und gab sich reumütig zerknirscht.

„Kerl, was verstecke Er da hinter seinem Rücken?“, fragte Tischbein in scharfem Ton.

Der Diener stotterte etwas von unsauberen Händen und einem geschlachteten Huhn und streckte ihm schließlich seine Hand entgegen.

Tischbein besah sich die rot verschmierte Hand. „Was, das soll ich ihm glauben! Will Er mir einen Bären aufbinden? Das sieht mir eher nach Farbe aus!“

Und er riss die Hand an sich und roch daran. „Krapplackrot! Dacht ich mir´s doch! Kerl, erklär Er es mir!“

Wieder versicherte ihm der Diener, dass er doch dem gnädigen Herrn zur Überraschung ein frisch geschlachtetes Huhn ganz bestimmt morgen zum Mittagessen zubereiten wolle, und woher dieser eigentümliche Geruch käme, das wisse er auch nicht so genau.

Anton Wilhelm sah für den Augenblick ein, dass er an der Situation nichts mehr ändern konnte und zeigte mit dem Pinsel zum Atelierausgang.

„Kerl, geh Er mir stantepede aus den Augen!“

Jacob bemühte sich um einen passablen Abgang, indem er sein Kreuz durchdrückte und so aufrecht zur Tür schritt, als hätte er den Spazierstock seines Herrn verschluckt.

Dabei vergaß Tischbein komplett, dass er selbst die letzten beiden Tage und Nächte ununterbrochen in seinem Atelier gewesen war, und es interessierte ihn nicht die Bohne, dass somit kein anderer unbemerkt hätte eindringen können.

Anton Wilhelm steigerte sich in seinen Zorn hinein, war vor Aufregung puterrot im Gesicht und stolzierte, bei jedem Schritt heftig ausatmend, vor seinem Gemälde hin und her. Bei jeder Wendung betrachtete er immer und immer wieder sein Bild und es erschien ihm immer verschwommener und unwirklicher. Und je näher er es betrachtete, umso eher deuchte es ihm, als stiegen aus dem Brunnentempelchen, mit dem die Gute Quelle eingefasst war, wabernde Schlieren wie Rauch auf, der sich auf seinem Bild verteilte. Tischbein fuhr instinktiv über das Bild und verwischte dabei versehentlich den noch nicht ganz getrockneten krapplackroten Farbauftrag des neumodischen Kleides einer Dame. Ganz en vogue nach der neuesten Wiener Kleiderordnung. Dabei bekam der Jüngling in beigefarbenem Anzug und weißer Perücke neben ihr einen gehörigen Klecks ab. Anton Wilhelm fluchte und nahm sich vor, das Malheur später auszubessern. Hastig wischte er sich über die Augen, wie um etwas zu verscheuchen. Vielleicht den Restalkohol. Aber das Undeutliche und Nebelhafte auf seinem Bild blieb. Er sah sich in seinem Atelier um, um seine Augenschärfe zu prüfen. Dort auf dem mit Farben bekleckerten Holztisch lag seine Palette mit den angefangenen Farben. Ganz deutlich konnte er den Pinsel mit dem Krapplackrot erkennen, mit dem er noch vor nicht allzu langer Zeit das höchst modische Ausgehkleid einer der drei Damen im Vordergrund gemalt hatte. Nein, sehen konnte er noch gut.

Tischbein schüttelte den Kopf und trat so nahe an sein Bild heran, bis er den Geruch der frischen Farbe in seiner Nase hatte. Kein Zweifel: aus dem linken Bogen über der Balustrade, die den Brunnen umgab, quoll ganz feiner Nebel. So zart und silbrig hell wie Morgennebel bei einem Sonnenaufgang über den Wiesen hinter dem Comödienhaus. Und mehr noch, Tischbein schien es, als hörte er ein feines Wispern, als würde ihm die Gute Quelle etwas zuflüstern wollen.

   Anton Wilhelm wandte den Kopf zur Seite, so dass sein Ohr beinahe das Bild berührte. Dabei fiel sein Blick aus dem Atelierfenster, und er sah am dunstigen Himmel träge dahinziehende Schleierwolken, als wollten sie sich mit dem Nebel auf seinem Bild verbinden. Und mehr noch: die bläuliche Farbe des Himmels vermischte sich mit dem Nebel, der langsam und stetig aus dem Brunnen stieg. Dabei wurde das zuerst undeutliche Wispern immer eindringlicher und verständlicher und ging in einzelne Worte und Sätze über. Und Anton Wilhelm Tischbein verstand.

 

 

 

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© Gerhard Roth