Es stand ein grünes Pferd im Flur

so wie alle grünen Pferde auf der Welt in irgendwelchen Fluren stehen. Es fuhr sich mit dem linken Huf über die schweißnasse Stirn. Dabei hustete es so heftig, dass es klang, als würde es mit rostigen Hufeisennägeln gurgeln. „Verdammt dicke Luft hier drin!“, schnoberte es missmutig durch seine Nüstern. Dann presste es seine Lippen zusammen, hielt die Luft an, um einen gewaltigen Nieser zu unterdrücken, so gewaltig, dass es seine Hinterbacken zusammenkneifen musste, um zu allem Übel nicht auch noch zu pupsen. (inspiratorischer Überdruck, der sich bis in den absteigenden Dickdarm (colon descendens) fortsetzt, Anm. d. anatomiekundigen Dichters) Und wer schon mal einen Pferdepups gehört hat, na, dann gute Nacht. Und bei all diesen Anstrengungen platzte auf der rechten Seite, kurz hinter seiner Mähne, auch noch ein Stück von seiner grünen Farbe ab.

Es fühlte sich offenbar nicht wohl.

Um genauer zu sein: verdammt grünpferdeunwohl! Mit einem allerliebst bestickten Ponytaschentuch, das es als Abschiedsgeschenk von einer verflossenen Geliebten bekommen hatte,  schnäuzte es sich erst einmal so richtig, um wieder klar denken zu können. Wieder platzte grüne Farbe ab und rieselte auf den Boden. Dazu war dunkelgrüner Rotz in dem Ponytaschentuch. „Wo ich doch die berühmte Pferdelunge habe“, dachte das Pferd und erschauerte und heulte hellgrüne Krokodilstränen, (grünes Pferd und Krokodilstränen? fragende Anm. d. Dichters) als es sich im Garderobenspiegel betrachtete. Es sah ganz und gar unansehnlich, ja beinahe hässlich aus. Verzweifelt lehnte es sich gegen die Flurwand und rutschte langsam daran herunter, bis es auf seinem Hintern saß. Ein grünes Häufchen Elend. Oder: ein Häufchen grünes Elend. Und um dieses Elend auch noch orthografisch zu verstärken: Eeeeelend mit fünf E´s. Oder grüüüüüüün mit sieben Ü´s. Und anstatt des Diminutivum (Verniedlichungsform) „Häufchen“ ein kompakter, ordentlicher Haufen. Also ein grüüüüüüüner Haufen Eeeeelend. (Sollte in die Begriffsbestimmung der Psychoanalyse übernommen werden, um einen dementsprechenden Gemütszustand treffend zu beschreiben, Anm. d. ungrünen Dichters).

Es sollte sich doch lieber ins Freie begeben, die Mähne in den Wind halten und den Duft des Frühlings und der Freiheit spüren

dachte eine Spinne mitfühlend, die gerade des Flurwegs daher kam, und streichelte mit dem dritten ihrer acht Beine (es sind wirklich acht und nicht sechs Beine, Anm. d. arachnologisch versierten Dichters) dem Pferd über den linken Huf. „Igittigitt!“, rief sie, als sie ihr Bein zurückzog und bemerkte, dass es voller grüner, sich auflösender Farbe war. Da nahm die Spinne ihr fünftes Bein, steckte es zwischen die Lippen und pfiff nach der Möbelmaus. Die wohnte im Schuhschrank der Garderobe und hatte deswegen Mundgeruch. (mit regelmäßiger Mäusezähnchenpflege mit Dentagard wäre das nicht passiert, Anm. d. dentalkundigen Dichters) So achtete sie peinlich genau darauf, beim Sprechen nicht auszuatmen. „Spunne, wus sull üch tun?“, fragte sie mit gespitzten Lippen. „Wurum rufst du müch?“ Da deutete die Spinne mit dem zweiten ihrer acht Beine auf das Häufchen Pferdeelend (Häufchen und Pferd? Dichterische Freiheit) und fragte die Möbelmaus, ob sie nicht einen Maler kennen würde, der das Pferd mit atmungsaktiver grüner Ökofarbe wieder anstreichen könnte. „Üch kunne numund“, flüsterte die Möbelmaus hastig und verschwand geschwind im Schuhschrank, um dort ungerochen von andern, endlich ausatmen zu können. Das Pferd hatte all dieses ganz unbeteiligt mitverfolgt und guckte nur teilnahmslos vor sich hin.

Da setzte sich ein bunter Schmetterling auf seinen Kopf

und trillerte vergnügt ein Frühlingsliedchen und geigte sich eins, (Andre Rieu ist ein Stümper dagegen, Anm. d. Dichters) indem er mit dem rechten Fühler über seinen linken Flügel strich, dass es klang, als würde ein sanfter Windhauch über Blütenblätter streichen. „Ach, Pferdchen, was weinst du so? Bist du denn gar nicht froh?“, tirilierte der Schmetterling. Aber das Pferd schluchzte nur. „Wart, ich werde dir was geigen“, jubilierte der Schmetterling, „um dir die schöne Welt zu zeigen!“ Da schluchzte das Pferd nur umso lauter. Der Schmetterling setzte sich flugs auf eine Wimper des Pferdes und flötete mit betörender Stimme: „Warte nur, du glaubst es kaum, ich schicke dir den schönsten Traum!“ Sprach´s und streichelte mit seinen Fühlern dem armen, armen Pferd so lange über die Wimpern, bis es einschlief. Vom vielen Wimpernstreicheln wurde es dem Schmetterling selbst ganz taumelig und traumelig. Er hatte einen Wachtraum und träumte davon, wie er sich von einem einst weißen Geschöpf in einen Kohlweißling verwandelt hatte, mit vielen schwarzen Tupfen, damit er nicht so schnell gefressen wurde, denn die Luft war so schmutzig, dass er sich mit den schwarzen Tupfen besser tarnte, und als die Luft reiner wurde, hatte er sich in ein helles Etwas verwandelt. (besonders im ehemals rußigen Ruhrgebiet beheimatet, Anm. d. mimikribewanderten Dichters) Das Pferd schlug die Augen auf und schnoberte und wieherte: „Hmhmhmhbrmpfpfhihhüa!“ Das gefiel dem Schmetterling so gut, dass er seine Backen aufblies und auch „Hmhmhmhbrmpfpfhihhüa“ machen wollte. Aber bei Schmetterlingen, die das Wiehern imitieren wollen, klingt das eher so: ieieiiiiiaeiiiiaeiieieiii. Er kratzte sich mit seinem linken Fühler genussvoll sein dichtes Haupthaar (auch wieder dichterische Freiheit. Schmetterlinge und dichtes Haupthaar?)

Und wollte nie mehr davonfliegen

weil er weiter auf dem von grüner Farbe abblätternden Pferdekopf sitzen und immer wieder „Hmhmhmhbrmpfpfhihhüa“ üben wollte. Aber so sehr er sich auch anstrengte, es kam immer nur das bereits bekannte: ieieiiiiiaeiiiiaeiieieiii heraus.  Dem grünen Pferd wurde es daher zu langweilig und es knotterte missmutig, weil sich so richtig niemand um seine Malaisse kümmerte und sich seiner pferdeberechtigten Sorgen annahm. Plötzlich erklang über dem Flurboden ein schlurfendes Geräusch, als wenn ein nasser Putzlumpen hin- und hergeschleift würde. Schlabberige Töne ließen sich vernehmen und das Pferd spitzte die Ohren. „Ich bin der lila Lügenbold und das Schwindeln ist mir hold“, säuselte und schmatzte der Putzlumpen. „Ja und?“, fragte das grüne Pferd. „Was hab ich davon. Guck mich doch an wie ich aussehe. Was kannst du überhaupt?“ Da wischte der Lügenbold dem Pferd über die Hufen: „Ganz einfach zweifach: ich kann dir zum Beispiel das Grüne vom Himmel herunterlügen.“ Da machte das Pferd einen Freudensprung, wenn es nicht noch auf seinem Hintern sitzen würde und wartete auf das Grünwerden. Endlich wieder mal so ein richtig sattes Mähnengrün. Aber so lange es auch wartete, es tat sich nichts. Wie auch, bei solch einem lila Lügenbold. „Du willst wohl nie mehr davonfliegen, wie?“, fragte er das Pferd. (Zum besseren Verständnis des Begriffs: Lügenbold hier ein paar Synonyme: in französisch: menteur oder in niederdeutsch: laigebüül oder in schwedisch: lögnhals oder in nordfriesisch: laanjpöös. Alles klar?)

„So, wie ich hier auch nie mehr davonfliegen möchte.“   ...

 

 

 

 

 

 

 

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