Gerhard Roth Schriftsteller, Lyriker, Reimedrechsler, Wortverwechsler
Gerhard Roth    Schriftsteller, Lyriker, Reimedrechsler, Wortverwechsler  

 

Schnee im Juni

 

 

 

Schnee im Juni, hier in unseren Breiten? Das ist genau so sonderbar und verwunderlich wie die Geschichten in diesem Erzählband. Kann es denn sein, dass ein Mann mit einer lebensgroßen Puppe ins Theater geht? Ein Elektriker jeden Dienstag unter einem Hotelbett übernachtet? Ein Blinder sehenden Auges eine viel befahrene Straße überquert? Oder Käpten Blackbeard auf einem Gartenteich Schiffe kapert?

In diesem Erzählband werden Ereignisse von Tagträumen und Scheinwelten, von tropfenden Wasserhahnfantasien und von halben Wandgesichtern zu einem farbenprächtigen Geschichtenteppich verknüpft, der den Leser in eine wundersame Welt entführt.

 

Ein Leseerlebnis zwischen skurrilen Ereignissen, Zärtlichkiten und Blicken in menschliche Abgründe.

 

Leseprobe 

 

 

Ohrlöcher

 

„Wieviel?“, fragt die Verkäuferin.

„Zwei“, sage ich. „Logisch. Für jedes Ohr eins.“

„Es ist nicht logisch“, sagt die Verkäuferin in dem Schmuckladen. „Manche wollen nur eins.“

Meine Enkelin sieht mich fragend an und sagt dann entschlossen: „Ich will aber zwei, Opi!“

„Also, wieviel?“, fragt die Verkäuferin zurück.

Und bevor ich antworten kann, sagt meine Enkelin: „Zwei!“

Die Verkäuferin schnippt ihre Haare zurück. „Zwei in ein Ohr oder eins in jedes Ohr?“

„Eins in jedes Ohr“, sagen wir beide fast gleichzeitig.

„Also wieviel?“, fragt die Verkäuferin.

„Na, eins in jedes Ohr“, gebe ich etwas entnervt zurück.

 „Wieviel, also wieviel wollen Sie ausgeben?“, fragt die Verkäuferin. „Wir hätten da so eine Auswahl“, sagt sie und     schnippt wieder ihre Haare zurück.

Sie ist der Prototyp einer sonnenbankgebräunten, studiogestählten, weißblondierten, fünfunddreißigjährigen Frau, die verzweifelt einen auf zwanzig macht.

Ich stelle mich in dem hinteren Verkaufsraum vor die blank polierte Glastheke, unter der die kostbareren Dinge liegen, und deute mit meinem Zeigefinger nach unten.

„Die beiden da“, sage ich. „Die sehen doch klasse aus, was!“ Und beuge mich mit einem verschwörerischen Blinzeln zu meiner Enkelin.

Die Verkäuferin runzelt nicht einmal mit ihrer Stirn. Vermutlich hat sie keine Runzeln, weil ihre Ulnäusfalten botoxgeglättet sind.

„Die kosten aber …“, sagt sie.

„Ich weiß“, entgegne ich ganz cool. „Wieviel Karat haben die?“

„Einskommafünfundzwanzig. Lupenrein und ohne Einschlüsse“, sagt sie mit einem Augenaufschlag und mustert meine Jacke von Jack Wolfskin, ob ich auch ein zahlungskräftiger Kunde wäre.

„Pro was?“, frage ich zurück, wobei mir meine Enkelin heimlich auf den Fuß tritt. „Pro Stück“, sagt die Verkäuferin und ist jetzt erwacht und hat Verkaufshunger in ihren Augen.

„Wieviel?“, frage ich. Sie erkennt nicht einmal meine Ironie.

„Achttausendzweihundert!“, entgegnet sie mir mit einem gewissen Stolz in ihrer Stimme in Erwartung des kommenden Geschäfts.

„Pro was?“, frage ich scheinbar gelangweilt.

„Pro Stück“, sagt sie und tut so, als wäre das ein Allerweltsgeschäft, als würde jeden Tag solch ein Kunde mit seiner Enkelin solche Ohrstecker kaufen.

Und dann ist sie ganz geschäftsmäßig und schließt die Schublade ab und sagt: „Einen Moment bitte, mein Herr“, und eilt durch eine verborgene Tür in den hinteren Verkaufsraum.

Für einen Augenblick sind meine Enkelin und ich alleine, grinsen uns an, betrachten scheinbar gelangweilt die Auslagen, während meine Enkelin ein paar Grimassen in die deutlich sichtbaren Überwachungskameras schneidet und sich darüber amüsiert.

Die Geschäftsführerin kommt. Sie sieht genauso wie eine Geschäftsführerin aus. Auch wieder ein Klischee. Graue Haare, grauer Hosenanzug, dezent geschminkte, mattrosa Lippen, eine Brosche aus lilafarbenen Halbedelsteinen links auf ihrem Revers.

Und wie nicht anders zu erwarten fragt sie mich in einem unterkühlten, aber äußerst freundlichen Ton: „Ja, bitte? Was kann ich für Sie tun, mein Herr?“

Dabei beugt sie sich ein wenig nach vorne zu meiner Enkelin und fragt mit einer ebenso distanziert, freundlichen Stimme: „Und was können wir für Sie tun, mein Fräulein?“

Sie spricht meine elfjährige Enkelin mit „Sie“ an.

Das gehört vermutlich zu dem Geschäftsgebaren eines zu erwartenden, lukrativen Handels.

Sie nimmt der blondierten Verkäuferin mit einer professionellen Geste den Schlüssel aus der Hand, öffnet unter dem Glastisch die dafür vorgesehene Schublade, breitet mit einer grandiosen Grandezza ein dunkelblaues Samttuch auf dem Glastisch aus, legt die beiden Ohrringe darauf, sieht mich scheinbar gelangweilt an, als würde sie jeden Tag und jede Stunde solche Pretiosen verkaufen.

„Und, was sagen Sie? Sind die nicht prächtig!“ Und ihre Stimme ist eine Nuance dunkler geworden. “Direktimport aus Antwerpen. Mit Zertifikat, selbstverständlich!“

„Achttausend ist immerhin ein stolzer Preis“, sage ich.

„Achttausendzweihundert“, verbessert sie mich.

„Pro Stück“, sage ich. „Immerhin kein Pappenstiel.“ Ich gebe mich jovial und will eine Kaufabsicht signalisieren.

„Selbstverständlich pro Stück“, sagt sie. „Immerhin einskommazweifünf Karat mit entsprechender, zertifizierter Expertise, wenn Sie bedenken!“

Ich fasse mir mit meiner rechten Hand an mein Ohr und gebe zu verstehen, dass ich das Verkaufsgespräch nicht kampflos ausklingen lassen will.

Sie beugt sich scheinbar verschwörerisch nach vorne: „Bedenken Sie bitte den Wiederverkaufswert, mein Herr, falls Ihre Tochter …“

„Enkelin“, korrigiere ich sie sanft und falle nicht auf den Trick herein.

„… falls Ihre Enkelin“, sagt sie, „falls Ihre Enkelin zu einem anderen Ohrgeschmeide tendieren würde.“

Und sie spricht das Wort „Ohrgeschmeide“ aus, als würde sie mit einem Fünfkaräter gurgeln. „Wir haben selbstverständlich eine internationale Auswahl, wie Sie sehen. Und hier“, dabei legt sie zwei andere Ohrstecker auf den dunkelblauen Samt, „die sind natürlich eine andere Liga, verstehen Sie das bitte nicht falsch, mit zweiunddreißiger Facettenschliff. Allerfeinste Ware! Keine Blutdiamanten selbstverständlich!“

Meine Enkelin trappelt mittlerweile ungeduldig mit ihren Füßen, wobei ich bemerke, dass sie sich demnächst die Schuhe putzen müsste.

Sie geht in den vorderen Verkaufsraum und ruft: „Opi, kommst du mal!“

Die Geschäftsführerin ist etwas irritiert und streicht noch einmal das dunkelblaue Samttuch glatt.

„Ein wunderbarer Samt“, sage ich. „Passt perfekt zu den ausgestellten Pretiosen!“ Ich lächle sie mit meinem gewinnendsten Lächeln an.

Dabei sehe ich schon die beginnende Enttäuschung in den Augen der Geschäftsführerin.

„Opi, kommst du mal! Die hier gefallen mir am Besten! Komm doch mal! Die glitzern so schön blau! Und die haben einen Silberrand!“

Die Geschäftsführerin ist mit einem Male nicht mehr da, und die blondierte Verkäuferin nimmt ein Schussgerät, fügt die beiden blauen, sternförmigen Ohrringe in die dafür vorgesehene Vertiefung, streicht meiner Enkelin die Haare zurück und schießt ihr mit einem Knacks je ein Loch in jedes Ohr.

„Hat´s wehgetan?“, fragt sie meine Enkelin.

Meine Enkelin sieht mich an. „Nö, Opi, war ganz einfach. Tut gar nicht weh.“

„Wieviel?“, frage ich die Verkäuferin.

„Siebenundzwanzigneunzig“, sagt sie und schnippt ihre Haare zurück.

Wir gehen nach draußen. Auf der Straße vor dem Schmuckgeschäft ist nicht viel los.

„Wollen wir uns ein Fischbrötchen holen?“, frage ich meine Enkelin. Dabei weiß ich genau, dass sie gerne ein Wikingerbrötchen mag und ich ein Matjesbaguette.

Beim Bezahlen fällt mir auf, dass ich in meiner Jackentasche, aus der ich das Kleingeld krame, etwas Glitzerndes in meiner Hand spüre.

Zweiunddreißiger Facettenschliff.

         

    

  

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